Kritische Bilder des Comics (2016)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2016
Thema: „Kritik!“, 28.09.-01.10. 2016, Freie Universität Berlin

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Können Comic-Bilder und ihre Inhalte kritisch sein? Mit dieser Frage setzt sich das Panel der AG Comicforschung auseinander. In vier Beiträgen soll dem kritischen und gleichsam gesellschaftspolitischen Potenzial des Mediums nachgegangen werden.
Als populärkulturelles Medium für die Massen sieht sich der Comic immer wieder mit dem Vorwurf der Trivialität konfrontiert. Vermeintlich ‚schnell und billig’ produziert richten sich die ‚bunten Bilder’ des Comics angeblich primär an eine jugendliche Leserschaft. Und auch die langjährige Dominanz humoristischer sowie aktionsgeladener Themen und Inhalte hat im Laufe der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Mediums ihr Übriges zu dem ‚schlechten Ruf’ des einst als ‚Schundliteratur’ verpönten Comics beigetragen.
Wie die vier Beiträge des Panels zeigen werden, können die Bilder (und Inhalte) des Comics jedoch durchaus ‚kritisch’ sein. Als hybride und grenzüberschreitende Form, handelt es sich beim Comic um ein uneindeutiges und zuweilen widerspenstiges Medium (vgl. Engelmann 2013, Sina 2016), welches aufrund seiner spezifischen medialen Beschaffenheit das (transgressive/subversive) Potenzial besitzt, hegemoniale Zu- und Einschreibungsprozesse als solche sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen.

Moderation: Véronique Sina (Universität zu Köln)


Lukas R. A. Wilde (Eberhard Karls Universität Tübingen)
„Das kritische Potential non-narrativer Webcomics als piktorialem Intermedium“

Comics werden überwiegend als narratives Medium erachtet. Eine Minimalbedingung narrativer Darstellungen dürfte sein, auf eine Storyworld zu verweisen: „a world populated by individuated existens“ (Ryan 2007: 29). Es ließe sich fortführen: „But if we conceive of a world as some kind of container for individual existents, or as a system of relationships between individual existents, not all texts project a world“ (Ryan 2014: 32). In der Comic und Filmforschung überwiegt die Annahme, dass Bilder grundsätzlich Individuelles zeigen. Vor weiteren bildsemiotischen Ansätzen, ebenso wie vor den verschiedensten Praxen des täglichen Bildgebrauchs, stellt dies freilich einen Spezialfall dar. Weder bei Piktogrammen und Infografiken, noch bei Verkehrsschildern oder Emoticons, wird man von Individuen in selektiv dargestellten Storyworlds sprechen. Die Objekte, die solche Bilder darstellen, sind nur intensional, nicht extensional bestimmt. Die Schwelle zur narrativen Repräsentation wäre so erst in der piktorialen Kontextbildung überschritten, als „System raumzeitlicher Relationen […], nicht nur ein, sondern das Identifizierungssystem für Wahrnehmbares“ (Tugendhat 1976: 462).
Das Potential einer diskursiven Bildlichkeit zeigt sich besonders im Bereich des Webcomic, wo Serien wie Matthew Inmans The Oatmeal oder Schloggers (Johanna Baumanns) Gehirnfürze und andere Comics als Medien der Alltagsbeobachtung auftreten. Wenn der Comic genau dann als „grenzüberschreitendes Intermedium“ zu verstehen ist (Packard 2016: 63; Mitchell 2014), wenn seine Bilder und ihre Leseweisen uns wieder unvertraut werden, so scheint sich dies aktuell im Verzicht auf narrative Individuation und piktoriale Kontextbildung zu vollziehen. Mit Hilfe der prädikativen und der modalen Bildtheorie soll dieses Potential genauer beleuchtet werden. So kann auch selbst kritisch gefragt werden, warum es derzeit noch kaum zum gesellschaftspolitischen Kommentar genutzt wird.


Marie Schröer (Universität Potsdam)
„Der Bobo in der BD. Karikaturale Ideologie- und Milieukritik im französischen Autor_innen-Comic“

In kaum einem Artikel über die Comicautorin Claire Bretécher fehlt das Zitat Roland Barthes‘, der sie 1976 als die „beste Soziologin des Jahres“ bezeichnete. Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte sie ihre Serie Les Frustrés (dt. Die Frustrierten) bereits seit drei Jahren in dem linken Nachrichtenmagazin Le Nouvel Observateur.
Sie selbst gab an, mit ihren Strips bewusst auf die Leserschaft der Zeitschrift abzuzielen. So betrieb sie mit ihren Frustrierten humoristische Milieukritik: Die Comics setzen die widersprüchliche Selbstgerechtigkeit der ehemaligen 68er und nunmehr saturierten Linksintellektuellen pointiert in Szene.
Überzeichnet wird in den kurzen Strips konkret der Typus des Bourgeois-Bohémiens, kurz Bobos; gefangen im Kanon des (kaviar-)linken Standardrepertoires, geborgen unter seinesgleichen. Ähnlich selbstaffirmative Pariser Soziotope sind fast 30 Jahre später die Zielscheibe eines Albums mit dem vielsagenden Titel Bienvenue à Boboland des Autoren- Duos Dupuy & Berberian. Die Bobos von heute sind hier die Großstadt-Hipster, die sich in ihren Requisiten und Themen, nicht aber in ihrem Gestus von denen der 70er Jahre unterscheiden.
Beiden Comics ist nicht nur das Thema, sondern auch die Verhandlungsweise gemein. Selbstironische Beobachtungen innerhalb des vertrauten Milieus werden überzeichnet und humoristisch zugespitzt.
Ziel des Vortrages ist zum einen, die soziologische Relevanz in der Diskussion um Typologien des Bobos und Hipsters aufzuzeigen. Darüber hinaus soll ausgearbeitet werden, inwiefern Gesellschaftsportrait und -parodie in beiden Fällen von der visuellen Darstellung in Comic-Form profitieren. Kritik wird mittels Karikatur plakativ im Zusammenspiel von Text und Bild geübt: So sind beispielsweise die Panels der Frustrierten oft von logorrhoischen Wortkaskaden vor immer gleicher Kulisse gefüllt; bunte Konsum-Collagen mit immer wiederkehrenden Logos schmücken Boboland. Comic und Komik werden gemeinsam zum Vehikel für Kritik.


Christina Maria Koch (Philipps-Universität Marburg)
„Der Patientin eine Stimme: der Blick auf Gesundheitssysteme in Krankheitscomics“

Autobiographische Erzählungen von Krankheitserfahrungen liegen seit einigen Jahren auch in Comic-Form im Trend und werden unter dem Label „Graphic Medicine“ untersucht. Da sie subjektivem Erleben eine mediale Plattform bieten, stellen diese Werke einen Gegenpol oder zumindest eine Ergänzung zu dominantem professionell-medizinischen Wissen dar. Darüber hinaus lässt sich oftmals explizite oder implizite Kritik an Gesundheitssystemen finden: thematisiert werden etwa sozioökonomische Zugangsbarrieren, Machtverhältnisse in der Ärzt_innen-Patient_innen-Interaktion, der Mangel an Pflege, Gesundheitsdogmen und individualisierte Verantwortlichkeiten oder konkurrierende Wissenssysteme.
Dieser Vortrag will verschiedene Formen dieser Kritik in autobiographischen Comics aufzeigen und untersuchen, mit welchen medienspezifischen Mitteln sie artikuliert werden. Beispiele hierfür sind Formen der Darstellung von Subjektivität, Selbstreferentialität, die Inszenierung visueller medizinischer Topographien oder das Aufgreifen kultureller Tropen/Symbole der Medizin. Untersucht werden soll auch, inwiefern verschiedene Formen von Kritik mit unterschiedlichen Stilen und Erzähltraditionen in Comics zusammenhängen. Der Fokus wird auf zeitgenössischen nordamerikanischen Werken wie John Porcellino’s The Hospital Suite, Ken Dahl’s Sick, David Small’s Stitches, Ellen Forney’s Marbles und Julia Wertz’ The Infinite Wait liegen.


Nina Heindl (Ruhr-Universität Bochum)
„Über Voreingenommenheit reflektieren. Das kritische Potential von Chris Wares Building Stories

Der Comic Building Stories (2012) des amerikanischen Comickünstlers Chris Ware hat die Geschichten der Bewohner_innen eines Chicagoer Mietshauses zum Gegenstand. Darunter befindet sich als Haupterzählstrang die Narration einer jungen Frau mit Beinprothese, deren Leben geprägt ist von Depression, Selbstzweifel, Einsamkeit und der Suche nach einer beständigen und liebevollen Beziehung. Die körperliche Behinderung der Protagonistin wird vornämlich in Passagen thematisiert, in denen sie mit anderen Figuren interagiert und diese auf ihre Prothese aufmerksam machen. Auf visueller Ebene wird ihr verkürztes Bein als selbstverständlicher Bestandteil in Szene gesetzt, so wie auch andere ihrer Gliedmaßen je nach Situation im Fokus stehen.
Der Vortrag verfolgt die These, dass die Interpretation der körperlichen Behinderung als Grund für die soziale Isolation der Protagonistin – und damit als Stereotyp von Behinderung sowie einer Abweichung von der sogenannten ‚Norm‘ – in hohem Maße von der Wahrnehmung der lesend Betrachtenden bestimmt wird. Wares spezifische Darstellungsweise im Medium Comic stellt die eigene soziale und kulturelle Prägung der lesend Betrachtenden vor Augen und lässt die Rezipierenden über diese voreingenommene und durch gesellschaftlich konstruierte Barrieren geschaffene Einstellung reflektieren.
In einer rezeptionsästhetisch-orientierten Betrachtung des Werks soll am Beispiel von Building Stories das kritische Reflexionspotential von und durch Bilder herausgestellt werden. Durch körper- und bildtheoretische Bezüge wird gezeigt, dass in diesem Werk Erkenntnisse der Disability Studies verhandelt und den lesend Betrachtenden dadurch die eigene soziale und kulturelle Determiniertheit in der Auseinandersetzung mit Behinderung vor Augen gestellt werden.