AG Comicforschung @ GfM 2019: Panel

gmf2019

S4.02: Comics und die Materialitäten von Mediengrenzen

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 93, Philosophikum; 68 Plätze

Chair: Lukas R.A. Wilde (Universität Tübingen)

Die Materialität des Comics ist nur im Plural zu fassen, beinhaltet sie doch viele unterschiedliche Facetten von Produktion, Distribution und Rezeption: gezeichnete Linien in Fundierung komplexer Seitenlayouts sowie ästhetische Erscheinungsweisen innerhalb spezifischer Trägermedien und ihren distinkten materiellen Eigenschaften.

Diese formal-ästhetisch orientierten Perspektiven auf Comic-Materialitäten werden im vorgeschlagenen Panel der AG Comicforschung um eine weitere Wendung ergänzt, die die konventionellen Mediengrenzen zwischen Comics und ‚Nachbarformaten‘ und die spezifischen Potenziale transmedialer Adaptionspraktiken in den Blick nimmt. Haptische Qualitäten und die daraus resultierenden Bedeutungsaufladungen sowie -verschiebungen stehen hierbei ebenso im Fokus wie jene diskursiven Praktiken, durch welche diese Grenzen erzeugt, aufgegriffen und permanent modifiziert werden. Materielle Mediengrenzen, auf die innerhalb von Comic-Erzählungen vielfach rekurriert wird, stellen damit zugleich eine ästhetische Ressource zur Verfügung, die sich für innovative Markierungsverfahren anbieten: etwa, wenn ihnen unterschiedliche diegetische Ebenen zugewiesen werden oder sie in rhetorischer Funktion mediale ‚Unmittelbarkeit‘ suggerieren.

Diese Potenziale werden in Perspektive auf vier Schnittstellen exemplifiziert: gegenüber den frühen Comic Supplements und ihrer Einbettung in das Trägermedium Zeitung; den intermedialen Relationen zwischen Comic und Bilderbuch; den spezifischen Collagetechniken, die Photographie, Literatur, Bilderbuch und Comic miteinander verschränken; sowie schließlich mit Fokus auf die stofflichen Qualitäten des Superheld*innenkostüms in Comic und Film.

Bevor das comic book ab Mitte der 1930er Jahre zum wichtigsten Trägermedium für sequentielle Bildergeschichten avancierte zirkulierten amerikanische Comics hauptsächlich als Teil von Tageszeitungen. In der frühen amerikanischen Comicgeschichte nehmen daher die sogenannten comic supplements—d.h. mehrseitige, farbige, diverse strips umfassende Comicbeilagen, welche als Teil der Sonntagsausgaben großer Tageszeitungen zirkulierten—eine bisher wenig beachtete Sonderrolle ein. Zwischen ihrem Auftauchen in den 1890ern und ihrem Verschwinden in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg boten farbige Zeitungsbeilagen dieser Art nicht nur Platz für spätere Klassiker der Comic-Kunst sondern halfen zudem, die regelmäßige Lektüre von kurzen Bildergeschichten als eigenständige massenkulturelle Praxis zu etablieren. Als zeitweise wichtigstes Zirkulationsmedium für Comics spielten Beilagen wie die comics section des „New York Herald“ zudem eine Schlüsselrolle für die Popularisierung und Evolution der Kunstform im Allgemeinen.

Aufbauend auf close readings der comics section des „New York Herald“ und seiner Nachfolgepublikation „New York Herald Tribune“ nimmt mein Vortrag die Medialität und Materialität der farbigen Comicbeilage in den Blick und situiert das Format innerhalb der sich rasch verändernden amerikanischen Massenkultur des frühen 20sten Jahrhunderts. Anhand einer exemplarischen Diskussion von Beilagen und Strips aus vier Jahrzehnten zeigt der Vortrag, dass das Format des comic supplements nicht nur aus comichistorischer Perspektive signifikant ist, sondern auch aktiv an der massenkulturellen Ausgestaltung moderner Freizeitregime beteiligt war. Dabei fokussiert der Vortrag insbesondere Aspekte der Seitengestaltung, mögliche Rezeptionspraktiken und Aspekte des ritualisierten Lesens, sowie die Einbettung der supplements in das serielle Trägermedium der Sonntagszeitung.

Das beständige Spiel mit Formen, Konventionen und Materialitäten der Trägermedien zeichnet die Comics von Chris Ware bereits mit Beginn seiner Comicreihe „Acme Novelty Library“ in den 1990er Jahren aus. Mit „Building Stories“ (2012) treibt Ware dieses Spiel auf die Spitze: In 14 unterschiedlichen Publikationsformaten (u.a. Zeitung, Leporello, Hardcover, ‚Kinderbuch‘, Magazin, Spielbrett) werden die Geschichten von fünf Bewohner*innen eines Chicagoer Mietshauses erzählt. Durch die Wahl der unterschiedlichen Trägermedien greift Ware die historische Entwicklung des Mediums Comic auf – so verweisen etwa die Zeitungs- und Magazinformate auf die frühen Publikations- und Distributionszusammenhänge von comic strips. Zusätzlich kontrastieren das in Leinen gebundene Hardcover sowie das an Eigenschaften eines Kinderbuches angelehnte Format mit dicken Pappdeckeln die widerstreitende Positionierung des Comics entweder als triviale Unterhaltungslektüre oder als ernstzunehmendes, hochkulturelles Werk.

Bei den Bestandteilen von „Building Stories“ trägt die spezifische Materialität des jeweiligen Formates zur Bedeutungsgenerierung innerhalb der Erzählungen bei und wird im Vortrag exemplarisch am ‚Kinderbuch‘-Format vor Augen gestellt: Die dicken Pappseiten des Einbandes und die Besitzfelder zur Personalisierung erzeugen die Erwartung einer reich bebilderten Kindergeschichte; die lesend Betrachtenden werden im Inneren aber mit comicspezifischen Panelarrangements und dem unaufgeregten Tagesablauf in einem Mietshaus konfrontiert. Es wird gezeigt, wie Ware durch die Verschmelzung von Kinderbuch- und Comic-Materialitäten die Reflexion von Darstellungskonventionen sowie kulturell geprägten Erwartungshorizonten im Spannungsfeld von Marginalisierung und Nobilitierung, Nostalgie und Wegwerfkultur anstößt und diese Erkenntnisse wiederum für die Erzählung fruchtbar macht.

Paratexte walten an den Grenzen eines Werkes um den Rezipienten Anweisungen zu geben, wie man den Text zu verstehen hat. In Illustrationen und Titelbildern besteht außerdem eine Tradition des intermedialen und assoziativen Paratextes.

Dave McKean hat als Illustrator oft paratextuell gearbeitet und ist vor allem für die Covers der Comicserie „The Sandman“ bekannt. Die diversen mixed media Techniken, die er dabei einsetzt, sind aber wie jede Collage grundsätzlich intermedial. Sie greifen auf diverse Basismedien zurück, zerstückeln, rekombinieren und metaisieren sie. Die Materialitäten und Grenzen der Basismedien werden dabei reproduziert oder nachgeahmt. Dadurch entstehen absichtliche, aber hochkomplexe „Fehlanzeigen“ der Paratexte, welche nicht nur Erwartungen und Assoziationen hervorrufen, sondern vor allem Mediendiskurse problematisieren. Identität, Rolle und Wertung der Medien werden also in Frage gestellt. Dazu kommt, dass die Wertung von Comics als sozialtaugliche Medien und Bilderbuch ohnehin problematisch ist, sodass McKeans Arbeit in diesem Kontext die Diskussion antreibt.

Das Material von Superhelden-Kostümen ist (zumindest im Comic) ein Mysterium. Sicher ist, dass es sich meist um einen elastischen Stoff ‒ Strumpfhosen nicht unähnlich ‒ handelt, in den zuweilen technische oder magische Gewebe eingearbeitet sind. Abseits dessen bleibt das Material ein blinder Fleck des Comics, auch, weil viele Superhelden-Kostüme streng genommen aus farblichen Flächen bestehen, die über die Körperformen gelegt sind und sie so nur dem Anschein nach verhüllen. Im Film gibt es demgegenüber einen regelrechten Material-Diskurs für Superhelden-Verfilmungen: Seit Michael Keaton in Tim Burtons „Batman“ (1989) in einem Panzeranzug auftrat, in dem er nicht einmal den Kopf bewegen konnte, gibt es kaum einen Superhelden-Film mehr, der sich nicht mit der Materialität der Kostüme beschäftigt. Dabei gibt die im Comic erzählerisch wenig relevante Lücke des Materials den Filmen die Möglichkeit, diese zu füllen und somit im Dreieck aus Herstellung, Materialtechnik und thematischer Verhandlung zu reflektieren. Daraus entstehen elaborierte Überlegungen zur Medialität und zum Verhältnis von Comic und Film, die Gegenstand des Vortrags sind. „Batman Returns“ (1992) und „Watchmen“ (2009) sind in diesem Zusammengang regelrechte Paradebeispiele. Der erste Film nämlich nutzt die mediale Transformation der Materialität des Kostüms, um aus einem Superhelden in Strumpfhosen einen in ‚Lack und Leder‘ zu machen, wodurch er erst eine postfreudianische Lesart des Genres anbieten kann. Der zweite Film hingegen reflektiert das Genre auch, indem er die Materialitäten von Kostümen in eine kleine Mediengeschichte überführt, sodass die Anzüge der frühen Helden im Film denen aus den ersten Superhelden-Verfilmungen der 1940er Jahre ähneln und die neueren von späteren Filmen inspiriert sind. Der Vortrag zeigt somit, wie Superhelden-Filme über die Darstellung von Materialien ganze Technik- und Kulturgeschichten in das Genre einziehen, um diese mit selbstreflexiven Elementen von Comics zu verbinden.