Race, Class, Gender & Beyond – Intersektionale Ansätze der Comicforschung

Das Symposium fand am 20.-22. Oktober 2021 im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen, Hannover statt.

Der Begriff der ‚Intersektionalität‘ hat Hochkonjunktur. Immer häufiger ist sowohl im akademischen wie auch im öffentlichen Kontext von intersektionalem Denken oder dem Paradigma der Intersektionalität die Rede. Innerhalb der aufstrebenden Comicforschung ist die Perspektive der kulturwissenschaftlich ausgerichteten Intersektionalitätsforschung jedoch kaum vertreten. Die mangelnde Auseinandersetzung mit der ‚sequenziellen Kunst’ aus intersektionaler Perspektive, ist umso verwunderlicher, insofern sich Comics aufgrund ihrer medialen Beschaffenheit besonders gut eignen, alternative Lebenswege aufzuzeigen und das ‚sichtbar‘ zu machen, was sich außerhalb des hegemonialen Diskurses befindet. Viele Künstler*innen nutzen Hybridität und Sonderstellung der Comics, um ebenso persönliche wie gesellschaftspolitische Geschichten zu erzählen.

Mit dem Symposium „Race, Class, Gender & Beyond – Intersektionale Ansätze der Comicforschung“ soll das Potenzial eines intersektionalen Ansatzes für die noch junge Comicforschung herausgestellt werden. Die dreitägige Veranstaltung schafft den Rahmen zur Vorstellung und Diskussion von Forschungsergebnissen sowie zum interdisziplinären Austausch von internationalen Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden. Dabei steht die Verzahnung verschiedener Differenzachsen wie Gender, Sexualität, Alter, Klasse, Nationalität, Dis/Ability und Race, sowie die Analyse der mit diesem Wechselspiel einhergehenden hierarchischen Machtverhältnisse im Medium Comic, aber auch im Kontext seiner Produktion und Rezeption im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Intersektionalität ist eine disziplinenübergreifende analytische Perspektive, mit deren Hilfe sowohl die Konstitution und Verschränkung identitätslogischer Kategorien als auch multiple Formen der Diskriminierung und normativen Klassifizierung betrachtet werden, und, die in enger Beziehung zu den Gender-, Queer- oder auch Dis/Ability und Postcolonial Studies steht.

Mit dem Thema „Race, Class, Gender & Beyond“ werden bestehende Ansätze innerhalb der deutschsprachigen Comicforschung gezielt um eine intersektionale Perspektivierung erweitert und erstmals in den Mittelpunkt einer mehrtägigen internationalen Veranstaltung gestellt. Dadurch soll die Sensibilisierung für und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen der mehrdimensionalen Diskriminierung und Ausgrenzung im Medium Comic innerhalb der interdisziplinären Comicforschung vorangetrieben, international sichtbar(er) gemacht und gefestigt werden.

Intersektion 1 : Produktionen

Moderation: Anna Beckmann

Vorträge:

  • Romain Becker (Lyon)
    Gender & Genre im Comicverlag: Wer macht Was
    bei Reprodukt?
  • Bernhard Frena (Wien)
    Mich selbst (be-)schreiben. Queere Webcomics, Own Voices & Auto-Ethnographie
  • Dorothee Marx (Kiel), digital
    Gezeichnete Körper? Intersektionale Perspektiven
    auf Disability im Comic

Romain Becker:

Gender & Genre im Comicverlag: Wer macht Was bei Reprodukt?

Der Berliner Comicverlag Reprodukt positioniert sich regelmäßig als Verlag, der feministische Ideale und queere Identitäten unterstützt, sei es durch die Comics, die er veröffentlicht oder durch die Art und Weise, wie er deren Autor*innen und Künstler*innen darstellt. Beim genaueren Blick auf die Herstellung seiner Comics fällt jedoch auf: Genderrollen existieren auch hier, denn die Eigenschaften der Personen die Comics produzieren, hängen auch mit den Eigenschaften der Werke zusammen.

Anhand einer Analyse der gesamten Produktion des Verlags seit seiner Gründung vor dreißig Jahren kann man feststellen, dass verschiedene Comicgenres bevorzugt von Personen mit unterschiedlicher Genderidentität geschaffen werden, womit auch das anvisierte Publikum, die durchschnittliche Länge, der Preis und sogar die Art der Buchbindung zusammenhängen. Darüber hinaus hat ein Comic je nachdem, mit welchem Geschlecht Künstler*innen identifiziert werden, mehr Chancen, eine Adaption in anderen Medien oder einen Preis zu erhalten (bzw. dass der Verlag darüber spricht). Auch bei den Arbeiter*innen des Verlags spielt ihre Identität eine Rolle, da je nach Gender eher an verschiedenen Werken oder Aspekten der Comics gearbeitet wird. Dennoch kann man durchaus bemerken, dass sich hier nach und nach eine ausgeglichenere Arbeitsverteilung durchsetzt.

Viele dieser gegenderten Eigenschaften des Verlagskatalogs hängen jedoch nicht nur von Reprodukt ab, sondern werden auch von der Entwicklung des deutschsprachigen Comicmarkts im Allgemeinen, sowie auch von geografisch verankerten Comictraditionen beeinflusst. So kann sich der Berliner Verlag trotz langjährigem Engagement letztlich nur bedingt von den aktuellen, patriarchalen Normen befreien.

Romain Becker promoviert an der École Normale Supérieure in Lyon, wo er unter anderem Seminare über deutschsprachige Comics abhält. Sein Forschungsinteresse gilt insbesondere Comicverlagen und dem Einfluss ihrer Arbeit auf Werke und deren Publikum, sei es durch Adaptions- und Übersetzungsarbeit, durch Entscheidungen bezüglich der Materialität eines Comics oder durch die Arbeitseinteilung in der Comicproduktion. Demnächst erscheint sein Artikel dazu, wie verschiedene Verlage den Batman-Comic The Killing Joke umkonstruiert haben, in der Zeitschrift Comicalités. Études de culture graphique.

Dorothee Marx:

Gezeichnete Körper? Intersektionale Perspektiven auf Disability im Comic

Menschen mit Behinderungen werden vielfach nicht als vollwertige Personen mit einer komplexen, intersektionalen Identität wahrgenommen. Stattdessen gerät ihre Behinderung schnell zu einem alleinigen „Master status“ (Couser 2005: 603), der sich auf alle Aspekte ihrer Identität wie Geschlecht, Sexualität und race auswirkt und deren Wahrnehmung beeinflusst. So werden etwa behinderte Frauen als unweiblich und asexuell charakterisiert und sozial unsichtbar gemacht (Garland Thomson 1997: 25). Behinderte People of Color erleben eine mehrfache Marginalisierung und sind besonders oft von Ausgrenzung und Ungleichheiten betroffen (Ben-Moshe & Magana 2014: 107). Umso wichtiger erscheint es daher, die binäre Konstruktion von disability aus einer intersektionalen Perspektive zu betrachten und auf das Zusammenwirken verschiedener Identitätskategorien einzugehen.

Graphische Erzählungen erscheinen hier als ein besonders geeignetes Instrument, um die soziale und kulturelle Konstruiertheit von Behinderung hervorzuheben (Foss et al. 2016: 2) und stereotype Darstellungen zu hinterfragen (Kunka 2018: 24). Mein Vortrag befasst sich daher aus Perspektive der Disability Studies mit einer Reihe von graphic pathographies und untersucht deren Darstellung von behinderten/chronisch kranken Figuren unter dem Gesichtspunkt der Intersektionalität. Dabei gehe ich insbesondere auf die unterschiedlichen comicspezifischen Strategien der Sichtbarmachung von Erkrankungen/Behinderungen ein und analysiere, wie in verschiedenen autobiographischen Erzählungen, beispielsweise Dumb. Living Without a Voice (Webber, 2018), weiblich gelesene behinderte/chronisch kranke Figuren verkörpert werden. Anhand von Dancing After TEN (Chong/Webber 2020) betrachte ich auch den Einfluss, den die Kategorie race auf behinderte/chronisch kranke Frauen haben kann. Der Vortrag analysiert dabei insbesondere, wie mehrfach marginalisierte Comiczeichnerinnen sich stereotypen Vorstellungen von Behinderung und chronischer Erkrankung widersetzen und die Darstellung behinderter Körper im Medium Comic neu verhandeln können.

Dorothee Marx ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für North American Studies der Universität Kiel. In ihrem Dissertationsprojekt „Bodies Irregular. Temporalities of Disability in Contemporary North American Literature” untersucht Sie die Lebenserzählungen von traumatisierten, behinderten oder chronisch kranken Figuren in Romanen und Comics. Sie ist die erste Gewinnerin des Martin Schüwer-Publikationspreises für Herausragende Comicforschung und erhielt 2020 den Sabin Award for Comics Scholarship der International Graphic Novels and Comics Conference. Sie ist Co-Sprecherin des Diversity Roundtables der Deutschen Gesellschaft für Amerikanistik, Redaktionsmitglied bei Closure, und arbeitet gerade als Mitherausgeberin an einer Sonderausgabe des Journal of Literary and Cultural Disability Studies.

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Intersektion 2 : Transformationen

Moderation: Kalina Kupczynska

Vorträge:

  • Katharina Serles (Wien)
    Im Transit verloren? Gender-Grenz-Überschreitun
    gen in Franz Suess‘ „Paul Zwei“
  • Elisabeth Krieber (Salzburg)
    Autographics & Adaption. Über die intermediale
    Verbreitung des transgressiven & queeren ‚Auto-grafischen Selbst‘
  • Lynn Wolff (Michigan), digital
    Intersektionalität durch Intermedialität: Die Erfor
    schung von Subjektivität in autobiografischen Graphic Novels

Elisabeth Krieber:

Autographics & Adaption. Über die intermediale Verbreitung des transgressiven & queeren ‚Auto-grafischen Selbst‘

Das Medium Comics bietet einen produktiven Ausgangspunkt für feministische und queere Selbstdarstellung. Gekennzeichnet durch ein multimodales, sequenzielles und fragmentiertes Format verlangt es die Spaltung und Wiederholung des autobiografischen Subjekts über mehrere Modalitäten, zeitliche und räumliche Instanzen und unterschiedliche Erzählebenen. Comic-Künstler*innen haben so die Möglichkeit, ihre Subjektivität in einem Wechselspiel aus Text und Bild und in multiplen Verkörperungen über eine mit Leerstellen durchzogenen Abfolge individueller Panels zu inszenieren. Dieser Prozess begünstigt auch eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit der performativen Grundstruktur autobiographischer Darstellung sowie eine kritische Reflexion und Subversion von hegemonialen und heteronormativen Diskursen über Weiblichkeit, Geschlecht und Identität.

In meinem Vortrag gehe ich der Frage nach, wie dieses mediale und subversive Potenzial zur kritischen Verhandlung autobiographischer Prozesse und transgressiver Identitäten – von Gillian Whitlock unter dem Begriff „autographics“ zusammenfasst – in anderen Medien remediatisiert und inszeniert wird. Künstlerische und mediale Strategien, anhand derer die multimodalen, transgressiven und performativen Darstellungsprozesse in verkörperte Bühnen- und Film-Performances verwandelt werden, illustriere ich dazu anhand der Beispiele von Alison Bechdels Fun Home und Phoebe Gloeckners The Diary of a Teenage Girl – zwei autobiographische Werke, die von Lisa Kron und Jeanine Tesori als Musical (Fun Home) und Marie Heller als Theaterstück und Film (Diary) inszeniert wurden. Dabei interessiert mich besonders, wie autobiografische Performativität und transgressive Identitäten mit verschiedenen medialen Ressourcen dargestellt und verhandelt werden, inwiefern das subversive Potenzial der Ausgangstexte durch den performativen Prozess der Adaption verändert und an die neuen Medialitäten angepasst wird und wie sich all das auf die Darstellung der zentralen queeren und weiblichen Identitäten auswirkt.

Elisabeth ist derzeit Doktorandin und Universitätsassistentin am Fachbereich Amerikanistik an der Universität Salzburg. Sie hat ihr Bachelorstudium in Anglistik und Amerikanistik an der Universität Graz absolviert und besitzt einen Masterabschluss in „English Studies and the Creative Industries“ der Universität Salzburg. Ihre Forschungsinteressen umfassen Comic- und Autobiographieforschung, Gender- und Frauenforschung sowie Medien- und Adaptionsforschung. Elisabeths Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Adaption autobiographischer Comics für Bühne und Film und konzentriert sich vor allem auf die Darstellung und Transformation transgressiver, weiblicher Subjektivität. Ein Auszug aus ihrer Forschung ist im Kieler E-Journal für Comicforschung CLOSURE veröffentlicht.

Lynn Wolff:

Intersektionalität durch Intermedialität: Die Erforschung von Subjektivität in autobiografischen Graphic Novels

Comics sind nicht nur eine multimodale Kommunikationsform, sondern auch eine intermediale Kunstform. In diesem Vortrag gehe ich der Frage nach, wie Intermedialität als Strategie der Selbsterforschung dienen kann. Die Spannung zwischen unterschiedlichen Medien scheint besonders gut geeignet, die Verzahnung verschiedener Differenzachsen der Protagonist:innen zu widerspiegeln. In My Favorite Thing is Monsters von Emil Ferris spielen Pulp Comics und Horror Filme eine genauso wichtige Rolle in der Entwicklung der queeren Hauptfigur wie die klassischen Kunstwerke des Chicago Art Institute. Die Grenzen der sogenannten E & UKultur werden weiterhin in der Graphic Novel selbst
verschmolzen, indem Ferris alle dargestellten Werke im gleichen realistischen Stil und mit den gleichen ‚billigen‘ BicKugelschreibern zum beeindruckenden Effekt zeichnet. Weitere Beispiele von solchen
intermedialen Strategien in der Darstellung von intersektionaler Subjektivität werden anhand der Werke von Dominique Goblet und Nora Krug gezeigt (bei Goblet sind es Popsongs und abstrakte Malerei, bei Krug sind es unter anderen gefundene wie gezeichnete Objekte, persönliche wie anonyme Fotografien). Meine Analyse von intermedialen Strategien untersucht, wie das Ich in autobiografischen Graphic Novels und Graphic Memoiren einerseits konstruiert andererseits abstrahiert und dadurch behauptet wird. Als Beitrag zu dieser Tagung, die das transformative Potenzial des
Intersektionalitätskonzepts für Comicforschung erkennt, möchte ich das transformative Potential des ComicsMediums untersuchen und dabei zeigen, wie die ausgewählten Werke in ihrer Intermedialität neue Erkenntnisse in die Identitätsstiftung bieten können.

Lynn L. Wolff, Ph.D., ist Associate Professor für German Studies und Affiliate Faculty in Jewish Studies an der Michigan State University. Forschungsschwerpunkte: Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Verhältnis von Literatur und Geschichte, Holocaust Studies, Intermedialität. Veröffentlichungen (Auswahl): W.G. Sebald’s Hybrid Poetics: Literatur as Historiography (2014); Witnessing, Memory, Poetics: H.G. Adler and W.G. Sebald (hg. zus. mit Helen Finch, 2013); hg. von A Modernist in Exile: The International Reception of H.G. Adler (2019); Wirklichkeit erzählen im Comic (hg. zus. mit Christian Klein und Matías Martínez, Sonderheft Diegesis, 2019). Zurzeit arbeitet sie an einem Projekt zur Abstraktion in graphischen Erzählungen.

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Podiumsdiskussion

Moderation: Marie Schröer

Diskussionsteilnehmer*innen:

  • Lisa Frühbeis
  • Sheree Domingo
  • Lara Keilbart
  • Nino Bulling

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Intersektion 3 : Historien

Moderation: Eva Kimminich

Vorträge:

  • Markus Streb (Gießen)
    Alte Wunden, alte Stereotype? Jüdische Überle
    bende als Rächer*innen im Comic
  • Sylvia Kesper-Biermann (Hamburg)
    Comics & ‚Gastarbeiter*innen‘ in der Bundes
    republik (1970–1980er Jahre)
  • Ole Frahm (Frankfurt a.M.)
    Zombies, Vampire, Golems, Gespenster. Comic
    Monstren kapitalistischer Gesellschaften

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Intersektion 4 : Held*innen

Moderation: Juliane Blank

Vorträge:

  • Annemarie Klimke (Siegen)
    Affekt & Gender in Superheldinnencomics
  • Daniel Stein (Siegen)
    Amazons, Abolitionists, Activists: Zur Intersektiona
    lität von Race & Class in Comics US-amerikanischer Frauen
  • Véronique Sina (Mainz)
    Intersektionalität remediated: Race, Class, Gender
    & Beyond in „The Handmaid‘s Tale”

Annemarie Klimke:

Affekt & Gender in Superheldinnencomics

Als kulturelle Konstrukte sind Emotionen in Superheld*innencomics konstitutiv mit sozialen Kategorien wie Race, Class und Gender verbunden. Sie fungieren also „nicht nur als vergeschlechtliche, heteronormative, sondern auch als klassisierte und rassisierte Herrschaftspositionen“ (Sauer; Bargetz, 2015), die Identität mitgestalten. Der Vortrag wird diesen Verknüpfungen von Emotion, Race und Gender in sogenannten „Controlling Images“ (Hill Collins, 2000) nachgehen. Controlling Images beschreiben verschiedene rassistische und/oder auch sexistische Repräsentationen marginalisierter Gruppen und betreiben ihre systematische Ausgrenzung und Stigmatisierung. Diese Controlling Images – beispielsweise die liebende, emotionale ‚Mammy‘, die emotionslose ‚Strong Black Woman‘ oder die gefühlskalte ‚Asian-American Kriegerin‘ – sind als Instrumente soziokultureller Unterdrückung zum festen Bestandteil einer insbesondere in der Popkultur lange bestehenden sexistischen und rassistischen Infrastruktur geworden. Der Vortrag wird sich u. a. den Comicfiguren Storm (The X-Men) und Batgirl vergleichend zuwenden und über die (De-)Konstruktion der Controlling Images nachdenken. Findet in den Comics eine Stabilisierung oder vielleicht doch gar eine Subversion dieser Bilder statt?

Annemarie Klimke studierte Deutsche Literatur, Kulturwissenschaften sowie Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft in Berlin und Potsdam. Seit 2018 promoviert sie zu Emotionen im Superheld*innengenre an der Universität Siegen und ist Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

Véronique Sina:

Intersektionalität remediated: Race, Class, Gender & Beyond in „The Handmaid‘s Tale”

Der 1985 erschienene Roman “The Handmaid’s Tale” der kanadischen Autorin Margret Atwood zählt sicherlich zu den bekanntesten anglo-amerikanischen Werken, die dem Genre der modern feminist literature (Cullen 2017) zugeordnet werden können. In naher Zukunft angesiedelt, erzählt der dystopische Roman die Geschichte der jungen weißen Protagonistin June (aka Offred), die in der totalitären Republik Gilead (ehemals USA) ihr Dasein fristet. Als Frau diskriminiert und all ihrer Rechte beraubt, wird ihr aufgrund ihrer Gebärfähigkeit im Klassensystem von Gilead die Rolle einer Magd zugewiesen. Ihre einzige Aufgabe besteht nunmehr darin, im Haushalt einer Kommandanten-Familie zu dienen und gesunde Kinder zur Welt zu bringen, um so das Fortbestehen von Gilead zu sichern.

Nach diversen Remedialisierungen als Film (1990), Theaterstück (2015), Balletaufführung (2013) und Radio-Hörspiel (2000) ist der preisgekrönte Roman unlängst auch als TV-Serie und ‘Graphic Novel’ adaptiert worden. Der Vortrag nimmt sowohl die seit April 2017 über den Streamingdienst Hulu abrufbare Serie als auch die von Renée Nault kreierte Comic-Adaption aus dem Jahr 2019 in Blick und fokussiert dabei das diskursive Zusammenspiel gesellschaftlich konstruierter differenzstiftender Kategorien wie Gender, Alter(n), Klasse, Körper und Race. Anhand der vergleichenden Analyse formal-ästhetischer Elemente und (audio-)visueller Inszenierungsstrategien soll die Spannbreite der komplexen Überlagerung und Verzahnung unterschiedlicher Differenzachsen in beiden medialen Artefakten veranschaulicht und hegemoniale Normierungs- sowie Ausschlussprozesse einer kritischen intersektionalen (Re-)Lektüre unterzogen werden.

Dr. Véronique Sina ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Filmwissenschaft/Mediendramaturgie am Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). An der Ruhr-Universität Bochum (RUB) wurde sie am Institut für Medienwissenschaft aufgrund ihrer Arbeit „Comic – Film – Gender. Zur (Re-)Medialisierung von Geschlecht im Comicfilm“ (transcript Verlag) promoviert. Seit 2020 ist sie mit der Siegener Forschungsstelle „Queery/ing Popular Culture“ und mit dem SELMA STERN ZENTRUM für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg assoziiert. Zudem ist sie Mitglied im DFG-Forschungsnetzwerk „Gender, Medien und Affekt“ sowie Mit-Begründerin und Sprecherin der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM). Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Gender- und Queer Studies, Visual Studies, Medienästhetik, Holocaust Studies, Jewish Cultural Studies, Comic‐, Intersektionalitäts- und Intermedialitätsforschung.

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Intersektion 5 : Repräsentationen

Moderation: Susanne Hochreiter

Vorträge:

  • Jasmin Wrobel (Berlin)
    (In)visível/(Un)sichtbar: Überlegungen zu Reprä
    sentation, Partizipation & Protagonismus afrobrasilianischer Frauen in graphischen Narrativen
  • Barbara Eder (Wien)
    Nichts zu danken. Lager-Szenarien bei Nina Bunjevac
  • Brett Sterling (Arkansas), digital
    Aus wessen Perspektive? Die Darstellung von Race
    & Migration in deutschsprachigen Comics

Jasmin Wrobel:

(In)visível/(Un)sichtbar: Überlegungen zu Repräsentation, Partizipation & Protagonismus afrobrasilianischer Frauen in graphischen Narrativen

Histórias em Quadrinhos (HQ), „Geschichten in kleinen Tafeln/Bildern“, wie Comics in Brasilien genannt werden, haben eine lange Tradition: 1869 schuf Angelo Agostini mit As Aventuras de Nhô Quim ou Impressões de Uma Viagem à Corte eine der ersten Bilderzählungen weltweit, die im engeren Sinne als Comics rezipiert werden. Die Geschichte um Nhô Quim stellt gleichzeitig auch eine der ersten Comic-Erzählungen dar, in denen rassistische und sexualisierte Gewalt an Schwarzen Frauen dargestellt wird. Nach einer historischen Kontextualisierung der ersten Darstellungen von Afrobrasilianer*innen in Comic und Karikatur sowie der Geschichte der Sklaverei in Brasilien, möchte ich mich in meinem Beitrag aus einer intersektionalen Perspektive zeitgenössischen graphischen Narrativen zuwenden, die Schwarze Frauen protagonisieren. Neben Marcelo D’Saletes Cumbe (2014) und Angola Janga (2017), Werke, die den Widerstand versklavter Menschen im kolonialen Brasilien nach- und neuzeichnen, sollen insbesondere Werke besprochen werden, die das Leben von Frauen in den urbanen Peripheren thematisieren, so Sirlene Barbosas und João Pinheiros Carolina (2016), eine Graphic Novel über die afrobrasilianische Autorin Carolina Maria de Jesus (1914-1977), Triscila Oliveiras und Leonardo Assis’ Instagram-Reihen Os Santos. Uma tira de humor ódio (seit 2019) und Confinada (2020-2021) sowie ausgewählte Comicstrips von Bennê, die ebenfalls über Instagram veröffentlicht werden. Die letzteren Beispiele haben überdies gemeinsam, dass sie die spezielle Situation der empregadas domésticas, der meist weiblichen Hausangestellten in Brasilien, problematisieren, indem sie Phänomene sozialer Segregation sowie sexualisierte und rassifizierte Gewalt thematisieren und anprangern.

Jasmin Wrobel hat Romanistik und AVL an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Zwischen 2013 und 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, wo sie mit einem Projekt über den brasilianischen konkreten Dichter Haroldo de Campos promovierte. Die Dissertation erschien 2020 unter dem Titel Topografien des 20. Jahrhunderts: Die memoriale Poetik des Stolperns in Haroldo de Campos’ Galáxias bei De Gruyter. Seit April 2019 ist sie Research-Track Postdoc und wissenschaftliche Koordinatorin am Exzellenzcluster „Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective“, wo sie an einem Habilitationsprojekt mit dem Arbeitstitel „Körper / Bilder – Fremde / Blicke: (weibliche) Territorialität und Korpografie in lateinamerikanischen und spanischen grafischen Narrativen“ arbeitet.

Brett Sterling:

Aus wessen Perspektive? Die Darstellung von Race & Migration in deutschsprachigen Comics

In den letzten Jahren wurden die Themen Migration und Flucht zum festen Bestandteil des gesellschaftlichen und politischen Diskurses in Europa. Die Erfahrungen von Menschen auf der Flucht werden inzwischen in den unterschiedlichsten Medien, darunter auch Comics, thematisiert. Bei der medialen Inszenierung von Flucht- und Migrationsgeschichten stellen sich neben ästhetischen auch ethische Fragen, z.B. wie und von wem die behandelten Personen im Werk dargestellt werden, ob sie die eigene Geschichte (mit)gestalten und inwiefern ihnen durch das Werk geholfen oder geschadet wird. Dieser Vortrag widmet sich der Frage nach der Rolle der Perspektive in Comics über Flucht und Migration mit besonderem Blick auf race als Gegenstand und Aspekt der Darstellung.

Beth Loffreda und Claudia Rankine argumentieren, dass die menschliche Vorstellungskraft nicht frei von race ist, sondern dass sie von race geprägt wird. Dieses Phänomen beschreiben sie als „racial imaginary“. In diesem Vortrag werden deutschsprachige Comics untersucht (u.a. von Olivier Kugler, Reinhard Kleist und Barbara Yelin), um zu sehen, wie race und Weißsein die narrative und ästhetische Gestaltung der Werke beeinflussen. Folgenden Fragen wird nachgegangen: Wie gestaltet sich der weiße Blick (white gaze) und wie wirkt er auf Figuren of Color? Sind künstlerische Eingriffe in die Geschichten Geflüchteter eine Form textueller Gewalt? Ist es als Nichtbetroffene:r möglich, Betroffenen im Comic gerecht zu werden, oder reproduziert die Gattung von vornherein ungleiche Machtverhältnisse?

Brett Sterling ist Assistant Professor of German an der Universität Arkansas zu Fayetteville, USA. Mit internationalen Kolleg:innen gründete er 2017 das interdisziplinäre Comicforschungsnetzwerk der German Studies Association. Seine Forschungsschwerpunkte sind deutschsprachige Comics und deren Geschichte, Deutsch als Fremdsprache, race und diversity und das Werk Hermann Brochs. Sein Buch, Literary Representation and Mass Hysteria in the Works of Hermann Broch: Bringing Form to the Formless, erscheint Anfang 2022.

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Comic-Lesung mit Nino Bulling

Moderation: Anna Beckmann

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Intersektion 6 : (Mit-)Fühlen

Moderation: Nina Eckhoff-Heindl

Vorträge:

  • Jaqueline Berndt (Stockholm)
    Frauenmanga ohne Romantik: Prekarität &
    Weißraum
  • Assunta Alegiani (Berlin)
    Begehrende Körper: Sexualität & Intimität in Dar
    stellungen von Dis/Ability im Comic
  • Irmela Marei Krüger-Fürhoff (Berlin)
    Verflochtenes Leben: Alter, Pflege & Tod im Comic

Assunta Alegiani:

Begehrende Körper: Sexualität & Intimität in Darstellungen von Dis/Ability im Comic

Unsere visuelle Kultur wird dominiert von Darstellungen von Körpern, die meist wertend aufgeladen sind und, insbesondere in der Werbung, zu der Konstruktion und Aufrechterhaltung von heteronormativen und binären Körperbildern und Geschlechteridentitäten beitragen. Gleichzeitig werden in der öffentlichen Wahrnehmung und Repräsentation von Menschen mit Dis/ability Grundbedürfnisse nach emotionaler und körperlicher Intimität sowie das Anrecht auf sexuelle Entfaltung meist negiert oder problematisiert. So wird Menschen mit Dis/ability, deren Begehren und begehrenswerte Körper nicht in hegemoniale heteronormative Körper-, Beziehungs- und Geschlechterkonstruktionen passen, im öffentlichen Diskurs ein elementarer Bestandteil des Menschseins abgesprochen. Im Zeichnen sowie im Rezipieren von Comics wird, durch formale Eigenschaften wie die wiederkehrende Reproduktion des gezeichneten Objekts über mehrere Panels hinweg, die Auseinandersetzung mit Körpern gefordert. Alternative Comics der letzten Jahre zeigen, wie Begehren, Intimität, Sexualität und Dis/Ability neu verhandelt werden. Anhand von Beispielen aus ausgewählten Comics, darunter Building Stories (2012) von Chris Ware, Schattenspringer – Per Anhalter durch die Pubertät (2015) von Daniela Schreiter, Ted, drôle de coco (2018) von Émilie Gleason und Der Umfall (2018) von Mikaël Ross, zeige ich dies in drei Erkenntniskategorien: 1) die selbstbestimmte, sexpositive Erkundung des eigenen Begehrens, 2) die Sensibilisierung für Bedürfnisse/Wünsche nach Intimität und Sexualität, die von normativen Vorstellungen abweichen, 3) das Nutzen der Ambiguität des Comic-Mediums um der Reduktion des Menschen auf Dis/ability entgegenzuwirken. Hieraus entsteht ein subversives Potential, mit dem normative gesellschaftliche Annahmen zu Sexualität und Beeinträchtigung in Frage gestellt und umgeschrieben werden können.

Assunta Alegiani hat ihren B.A. in Comparative Literature an der University of Toronto und ihren M.A. in Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin gemacht. In ihrer Masterarbeit hat sie sich mit der Darstellung von Autismus im autobiografischen und pädagogischen Comic beschäftigt sowie einen eigenen Comic über die späte Diagnose ihrer Mutter mit dem Asperger Syndrom gemacht. Sie arbeitet als Regieassistentin in der Radiokunst bei Deutschlandfunk Kultur.

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Visualisierungs-Workshop

Geleitet von: Ka Schmitz (123comics)

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Intersektion 7 : Aktivismus

Moderation: Susanne Hochreiter

Vorträge:

  • Marina Rauchenbacher (Wien)
    Grenzen – Grenzungen – Grenzende Körper.
    Comics über Flucht/Migration & ihr gesellschaftspolitisches Potenzial
  • Nina Schmidt (Berlin)
    Sexuelle Aufklärung & Körperpolitiken im feministi
    schen Comic der Gegenwart
  • Elizabeth Nijdam (Vancouver), digital
    An der Kreuzung von Kunst & Aktivismus: Comics
    über Zwangsmigration

Nina Schmidt:

Sexuelle Aufklärung & Körperpolitiken im feministischen Comic der Gegenwart

Comics bieten niedrigschwelligen Zugang zur Geschichte des feministischen Kampfes um Gleichberechtigung und Gleichstellung (siehe u. a. Antje Schrupp und Patus Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext, 2018; Marta Breen und Jenny Jordahls Rebellische Frauen – Women in Battle, 2019). Darüber hinaus nehmen aktuelle feministische Comicpublikationen ganz explizit den Körper und body politics in den Blick (beispielhaft seien die Arbeiten von Yori Gagarim/Trouble X, Louie Läuger und Liv Strömquist genannt). Aufgeklärt wird in den Comics der Gegenwart also gleich in doppelter Weise: in Bezug auf Gesellschafts- und Bewegungsgeschichte sowie in Bezug auf den menschlichen, vor allem den als weiblich konstruierten Körper; und das oft von dezidiert subjektiver Warte aus. Wie genau die diversen Publikationen letzteres tun und warum das Medium Comic (neben der Literatur und dem Film, aber anders als diese) so geeignet ist, sich Biologie, Geschlecht, Sexualität und Heterocisnormativität sowie Sexismus und Patriarchat zu widmen, soll im Vortrag mit Blick v. a. auf Veröffentlichungen aus dem deutschsprachigen Raum erörtert werden.

Nina Schmidt ist promovierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. 2018 veröffentlichte sie ihr Buch The Wounded Self: Writing Illness in Twenty-First-Century German Literature im Verlag Camden House. Sie war zuletzt im Rahmen des von der Einstein Stiftung Berlin geförderten Projekts „Graphic Medicine and Literary Pathographies: The Aesthetics and Politics of Illness Narratives in Contemporary Comics and Literature“ (2016-2021) an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der FU Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.

Mehr Infos hier: Personenseite und hier: Twitter

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