Panel der AG Comicforschung im Rahmen der GfM-Jahrestagung 2025, Universität Paderborn, Raum E2.145, 19. September 2025, 14:00-15:30 Uhr
Podiumsdiskussion mit Barbara M. Eggert (Stuttgart), Iris Haist (Köln) und Susanne Schwertfeger (Kiel), moderiert von: Jona Piehl (Berlin)
Gothic-Comics wie auch Horrorcomics erschaffen Welten, in denen das Unheimliche allgegenwärtig ist und die Gegenwart ihre Abgründe offenbart. Innerhalb der deutschen Comicforschung ist dieser Bereich im ausdifferenzierten Spektrum der Comicgenres noch weitgehend unerforscht (Blees 2024; Braun 2022; Eggert 2025; Schwertfeger 2017; Schwertfeger & Round 2024). Hier setzen die drei Vortragenden dieses Panels an, indem sie Konzepte von agency in Gothic-Comics und Horrorcomics aus UK, den USA und Deutschland analysieren und kontextualisieren.
Der Vortrag von Susanne Schwertfeger bietet als Auftakt eine Einführung in das Genre der ‚klassischen‘ Gothic-Comics und seine künstlerischen Strategien.
Während etablierte Gothic-Motive wie verfallene Architektur oder unheimliche Landschaften weiterhin prägend sind, hat sich das Genre längst auf moderne Phänomene ausgeweitet: Technologie als Bedrohung, digitale Geister oder die Fragmentierung von Identität in virtuellen Räumen sind nur einige Beispiele für eine zeitgenössische Erweiterung der Gothic-Ästhetik. Das Konzept der Gothic ermöglicht die Reflexion gesellschaftlicher Brüche und Ängste, die Thematisierung von Macht- und Kontrollverlust, Rassismus und sozialer Ungleichheit. Das Genre ist mit aktuellen politischen Diskursen verwoben ist und visualisiert diese – im Unterschied zum klassischen Horror, der etwa auf explizite Schockmomente setzt – über einen atmosphärischen Ausdruck, der durch die Kombination aus Bild und Text verstärkt wird.
Die Vorträge von Barbara M. Eggert und Iris Haist vertiefen die Einführung und fokussieren Macht- und Kontrollverlust in zwei Comicserien für unterschiedliche Altersgruppen:
Iris Haist widmet sich der von George Gladir und Dan DeCarlo geschaffenen Figur der Sabrina Spellman, die 1962 in Archie’s Madhouse #22 debütierte. Anfänglich in Nebenrollen präsent, erhielt sie 1971 ihre eigene Comicserie, „Sabrina the Teenage Witch“. Diese Serie etablierte Sabrina als Symbol des Teenie-Horrors, mit Anklängen an „Tales from the Crypt“ (EC Comics, 1950–1954). In den 1990er Jahren erfolgte durch die Sitcom „Sabrina – Total verhext“ (1996) mit Melissa Joan Hart eine Hinwendung zu einem leichteren Ton.
Im Kontrast zu früheren Adaptionen präsentiert die 2014 gestartete Comicserie „Chilling Adventures of Sabrina“ von Roberto Aguirre-Sacasa und Robert Hack eine signifikant düstere Interpretation des Stoffes. Diese zeichnet sich durch eine komplexe Handlung mit Horror-Elementen FSK 18 aus. Die Serie bedient sich somit einer expliziten Darstellung von Gewalt und psychologischem Horror, was eine deutliche Abkehr von früheren, leichteren Interpretationen darstellt. Die Quelle dunkler Macht geht im Laufe der Handlung von verschiedenen Seiten aus – am Ende übertrifft Sabrinas Macht diejenige aller anderen Charaktere.
Auch Barbara M. Eggert widmet sich mit Peter Mennigens Comicserie „Vanessa – Die Freundin der Geister“ (Bastei, 1982–1991) einer Heldin im Teenageralter. Allerdings ist „Vanessa“ eine Mischform, die neben Schauerelementen auch Slapstick und Romantik beinhaltet – und sich somit nicht eindeutig einem Genre zuordnen lässt (Eggert 2025). Anders als Sabrina hat Vanessa keine speziellen Fähigkeiten, was sie zur idealen Identifikationsfigur für das primäre Zielpublikum macht: Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren. Jede der in sich abgeschlossenen Folgen beinhaltet ein Abenteuer mit einem Gothic-Archetypen (Dämonen, Geister, Vampire, Hexen), die entweder Vanessa bedrohen oder bei ihr Hilfe suchen. Alle Episoden finden durch Vanessas Intervention ein positives Ende – oft wird sie hierbei von ihrem Geister-Freund Harold unterstützt. Mit diesem Erzählstrang verflochten ist Vanessas Alltagsleben, in dem sie sich dauerhaft gegenüber der boshaften Haushälterin bewähren muss. Die intersektionale Analyse von Vanessas Gegenspieler*innen greift Alter, Geschlecht, Klasse und Spezies auf und thematisiert und hinterfragt das Mischungsverhältnis aus teenage empowerment und Reproduktion von Stereotypen.
Alle drei Referentinnen richten in ihren Beiträgen das Augenmerk auf Machtdynamiken im Spannungsfeld von Alltag und übernatürlichen Sphären sowie auf die Konstruktion von (Ohn-)Macht in narrativer, struktureller und ästhetischer Hinsicht. Mit dieser Fokussierung möchte das Panel eine substanzielle Lücke in der deutschen Comicforschung adressieren und einen kritischen Diskursraum eröffnen, der die gesellschaftliche Relevanz und ästhetische Komplexität dieses vernachlässigten Genres sichtbar macht.
