Call for Participants: Diversität in und mit Comics

Für das erste Treffen des Diskussionsforums COMICS-EXCHANGE am 23.10.2020 sind wir auf der Suche nach interessierten Kolleg_innen, Kunstschaffenden, Lehrenden, Studierenden und Journalist_innen, die sich gerne aktiv beteiligen und einen Comic zum Thema „Diversität“ vorstellen möchten. Grundlage der kurzen, ca. 5minütigen, informellen Präsentation soll folgende Frage sein „Was hat dieser Comic mit Diversität zu tun und warum hat er Dich angesprochen?“.

Wer gerne mitmachen und einen Comic vorstellen möchte, schickt bitte bis zum 4.10.2020 eine kurze Mail (inkl. Comic-Vorschlag) an:
marina.rauchenbacher@univie.ac.at und veronique.sina@uni-koeln.de

more „Call for Participants: Diversität in und mit Comics“

Utopien des Comics (2015)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2015
Thema: „Utopien. Wege aus der Gegenwart“, 30.09.-03.10. 2015, Universität Bayreuth

gfmjahrestagung2015

Zwar sind Zukunftsvorstellungen im Plot vieler zeitgenössischer Comics – wie auch in Literatur, Film, und im Computerspiel – primär dystopisch, d.h. von einer Kritik gegenwärtiger Missstände und von sozialen, ökologischen und technologischen Risiken bestimmt. Dem stehen andererseits bereits in der Anlage der Genres im Mainstream des Comics zukunfts- und fortschrittsgläubige, technikbejahende Entwürfe gegenüber. Das Ende des menschlichen Zeitalters – um Fredric Jameson (2005) und Slavoj Žižek (2011) umzuformulieren – erscheint heute allerdings leichter vorstellbar als das Ende des Kapitalismus. Jedoch bedeutet dies keineswegs, dass, wie vielfach konstatiert wird, die Utopie tot ist, ganz im Gegenteil. Jameson und Žižek selbst sind die besten Beispiele dafür.

Das Panel der AG Comicforschung wendet sich dem utopischen Denken im zeitgenössischen Comic zu, wo Spannungen in der Tradition fiktionaler Zukunftsentwürfe zwischen Antizipation, Aspiration und Fantastik produktive Verwerfungen entstehen lassen. Dabei nutzt der Comic schon im Medium angelegte erzählerische Leerräume und die dadurch entstehenden Instabilitäten, Irritationen und Brüche, um ambivalente utopische Fragmente innerhalb dystopischer oder postapokalyptischer Welten aufzuwerfen. Gerade durch die Fortsetzung und Neuperspektivierung seiner traditionell utopischen Stoffe und Topoi gewinnt der Comicredifferenzierende Spielräume, in denen sich die vermeintliche Unausweichlichkeit einer Utopie und die oft nur scheinbare Freiheit ihrer Vorstellung neu gegeneinander ausspielen lassen.

Fragen ergeben sich insbesondere aus medium-spezifischen Zeit/Raumdarstellungen, posthumaner Körperlichkeit, utopisch/dystopischen Gesellschaftsformen im Comic, der Unzuverlässigkeit von Körperdarstellungen, transmedialen Genrebezügen zwischen Apocalypse, Science Fiction, Superhero Comic, Utopie und Dystopie, sowie aus deren historischer Entwicklung in der Tradition der Comicliteratur und dem utopischen Roman.

Moderation: Laura Oehme (Universität Bayreuth)

Zum Tagungsbericht von Laura Oehme:
http://www.comicgesellschaft.de/2015/11/12/tagungsbericht-panel-utopien-des-comics-der-ag-comicforschung/

http://medienwissenschaft.uni-bayreuth.de/gfm2015/


Jeanne Cortiel (Universität Bayreuth)
„Apokalypse als Utopie: Robert Kirkmans The Walking Dead

In der gegenwärtigen Diskussion wird – wie auch im CFP für diese Tagung – angesichts eskalierender Zukunftsängste die Dominanz dystopischer Visionen im zeitgenössischen antizipatorischen Erzählen konstatiert. Diese Einschätzung stimmt auch mit der soziologischen Analyse der Gegenwart als “reflexive Moderne” (Anthony Giddens) und “Weltrisikogesellschaft” (Ulrich Beck) überein, in der die Kontinenz von Zukunftserwartungen nicht mehr von göttlicher Vorsehung bestimmt oder durch Risikokalkulationen zähmbar ist. Utopien haben angesichts der sich klar abzeichnenden Klimakatastrophe offenbar keinen Raum mehr in Zukunftsvisionen; stattdessen führen uns Disasternarrative in Fiktion und Wissenschaft den Untergang in allen denkbaren Variationen immer wieder neu vor Augen. Bei dem Fokus auf Utopie und Dystopie – beides in der Frühmoderne verwurzelte Formen alternative Welten zu imaginieren – kommt allerdings die anhaltende Produktivität der Apocalypse als spezifisch vormodernes literarisches Genre – das immer auch eine positive Vision einer gänzlich anderen Welt enthält – meist völlig aus dem Blick. Dieser Vortrag wendet sich Robert Kirkmans Comicserie The Walking Dead zu, die das Genre der Zombie-Apokalypse nutzt, um sich – so mein Argument – auf utopische Ideen aus dem 19. Jahrhundert zurück zu beziehen. Dieser Bezug zeigt sich sowohl in der visuellen Darstellung von Raum und dessen utopischer Markierung als auch in der Entwicklung der Vater-Sohn Beziehung und deren stabilisierende Funktion für die Gemeinschaft. Dass die positive Vision immer wieder an physische Grenzen stößt und der serielle narrative Rhythmus die Apokalypse konterkariert hebt deren Ambivalenz hervor, ohne die Möglichkeit der Utopie ganz zu negieren. Der Vortrag ist Teil eines größeren Forschungsprojektes zu Risikotechnologien in der Speculative Fiction (in Literatur, Film, und Comic).


Stephan Packard (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)
„Unzuverlässiger Cartoon und posthumanistische Utopie. Zu transmedialen Irritationen in Superior Iron Man

Das Bündel posthumanistischer Utopien, die Körpermodifikationen und -ersetzungen betreffen, kann mit der körperbildorientierten Erzählweise von Comics in besonderer Weise interagieren. So war der ursprüngliche Entwurf von Iron Man eine Variante des Cyborg-Motivs, während die häufig von Widersachern eingesetzte extremis-Technologie Imaginationen zu biologischem Engineering erforscht.

Die 2014 begonnene Marvel-Reihe Superior Iron Man kehrt zu diesen Themen der Serie zurück und verwendet sie zu einem inhaltlichen und formalen Spiel mit den Konventionen der Comic-Erzählung: In ihren Bildern ist jeder Körper und Cartoon suspekt. Was Cyborg, was mutiertes Gewebe, was Hologramm und was Maske ist, ändert sich von Seite zu Seite. Der Zweifel am dargestellten Körper greift dabei tief in die Routinen der Comiclektüre ein. Hatte sich das Vorbild der inzwischen abgeschlossenen Reihe Superior Spider-Man immer wieder Formen des unzuverlässigen Erzählers bedient, ist es nun die Erzählform des unzuverlässigen Cartoons, dessen routinierte Interpretation die Leserschaft gezielt täuschen kann.

Der Beitrag wird die Verschränkung thematischer und formaler Körperreimaginationen betrachten und insbesondere darauf eingehen, inwiefern eine Historisierung transmedialer Beziehungen die Verfahren des unzuverlässigen Erzählens transparent machen kann.


Véronique Sina (Ruhr-Universität Bochum)
„Gebrochene Helden. Entwürfe von Männlichkeit(en) in Enki Bilals dystopischer Comicwelt“

Paris im Jahr 2023 – Dies ist der Schauplatz von La Foire aux Immortels, dem ersten Teil der von Enki Bilal kreierten dystopischen Comicreihe La Trilogie Nikopol (1980-1992). Als „düstere Zukunftsprojektion einer spätkapitalistischen Gesellschaft, in der sich der Verlust der politischen Ideale im kalten Neon-Look der 1980er Jahre spiegelt“ (Knigge 2004, 225), präsentiert die bande dessinée ihren Rezipient_innen eine durch Fragmentierung und Kontingenz geprägte hypermediale Comicwelt, welche sich aus einer heterogenen Mischung unterschiedlicher Zeichensysteme und intermedialer Verweise speist.

Die ‚Brüchigkeit’ des Gezeigten (bzw. Erzählten) beschränkt sich jedoch nicht nur auf Bilals ‚grafische Poesie’. Genau wie die sie umgebende Welt sind auch Bilals Comicfiguren sowie die von ihnen verkörperten Entwürfe von Geschlecht durch einen gewissen Grad der Kontingenz und Unbeständigkeit gekennzeichnet. Im Fokus des Vortrags wird mit Alcide Nikopol – dem Protagonisten und Namensgeber der dystopischen Comicreihe – ein gebrochener Held stehen, welcher im Verlauf der Erzählung zunehmend an Souveränität verliert und sich in einem anhaltenden Prozess des Werdens – oder besser gesagt der kontinuierlichen Identitäts(re)konstruktion befindet. Als Cyborg-Figur stellt Nikopol zudem eine uneindeutige Kreatur dar, die gängige Konventionen sowie Kategorisierungen durchbricht und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen von Identität und (Geschlechts)körper nicht nur als soziokulturelle Konstrukte entlarvt, sondern gleichzeitig auch für eine stetige Verhandlung öffnet.

Comics und Recht (2014)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2014
„Medien | Recht“, 02.-04.10. 2014, Philipps-Universität Marburg

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Das Panel der AG Comicforschung diskutiert das Verhältnis von Comics und Recht in drei Dimensionen.

Erstens geht es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Rechtsdiskursen in den traditionellen Genres der Gangster-, Detektiv- und Superheldencomics. Deren Darstellung von Verbrechensbekämpfung beinhaltet stets eine zumindest implizite Auseinandersetzung mit der Justiz. Die Selbstverständlichkeit von Vigilantentum in der Superheldentradition ist in revisionistischen Genrecomics intensiv hinterfragt und bis zum Zusammenbruch und der (Re)-Konstruktion von Rechtssystemen in Utopien und Dystopien weitergeführt worden.

Zweitens wird das für Comicschaffende typischen Spannungsverhältnis zwischen Zuschreibung und Aneignung untersucht. Autor_innen und Zeichner_innen werden für negative Reaktionen auf ihre Schöpfungen zwar verantwortlich gemacht, profitieren von deren Vermarktung in der Regel aber nur in begrenztem Umfang. Auch in Zeiten massiv gelockerter (Selbst-)Zensur nehmen Verlage, Vertriebe und Verbände auf Comicschaffende Einfluss. Dass zu dem hieraus resultierenden Mangel an künstlerischer Autonomie in der Regel auch wirtschaftliche Benachteiligung wie erzwungene Abtretung von Eigentums- und Verwertungsrechten kommen, hat gerade im US-Mainstream zur Abwanderung namhafter Künstler_innen zu Independent-Verlagen oder gar deren Selbstvertrieb geführt.

Drittens wird einer noch stärker medienrechtlichen Facette von Urheberrecht im Comic nachgegangen. Die Verwendung sogenannter Bildzitate (in der Regel ohne Herkunftsangabe), von Bildern und Texten, über deren Urheberrecht man nicht verfügt, stellt ein typisches Comic-Problem dar. Die Verwendung und Weiterbearbeitung fremder Bilder und Texte kann dabei jedoch nicht nur wie gewohnt als urheberrechtliches Problem, sondern auch als Bestandteil heutiger künstlerischer Ausdrucksformen und entsprechender Aneignung von Medieninhalten diskutiert werden.

Moderation: Véronique Sina (Bochum)

Zum Tagungsbericht von Laura Oehme.

www.online.uni-marburg.de/gfm2014


Hans-Joachim Backe (Bochum)
„Ästhetik der Selbstjustiz. Bruch von Comickonventionen als Reflektion von Rechtsdiskursen“

Der Comic-Mainstream ist seit Anbeginn auf inhaltlicher Ebene mit (Un-)Rechtsdiskursen verknüpft. Gangster-, Detektiv- und die aus ihnen hervorgegangenen Superheldencomics verhandeln immer aufs Neue Fragen von Recht und Gesetz. Superman, der erste und prägendste Superheld, stellt seine anfänglich recht groben Methoden schnell in den Dienst der Öffentlichkeit und folgt einem Ethos, das ihn in eine Linie mit Staats- und Rechtssystem bringt. Gerade im Marvel-Universum wird Figuren wie Spider-Man oder den X-Men gesellschaftliche Anerkennung länger versagt, was sie oft ohne eigenes Zutun zu Gesetzlosen macht. Darüber hinaus begeben sich Figuren wie der Punisher oder Batman ständig oder zeitweise in offene Opposition zum Rechtsapparat und orientieren sich ausschließlich an ihrem eigenen Wertekodex. Spätestens seit den 1980er Jahren sind die Justizdiskurse des Superheldencomics Gegenstand seiner eigenen Reflektion geworden. Der hier skizzierte Beitrag argumentiert, dass in den einschlägigen Texten dieser Tradition – von Moore und Gibbons Watchmen (1985-1986) über Mills und O’Neills Marshall Law (1987-2002) bis hin zu Ennis und Robertsons The Boys (2006-2012) – die fragwürdigen Rechtskonzepte ihrer Figuren nicht nur inhaltlich, sondern auch durch eine Ästhetik des Normbruchs zum Ausdruck bringen. Die gesamte Bandbreite ästhetischer Verfahren wird von diesem Normbruch berührt, so dass Linienführung und Koloration, Sprechblasen und Soundwords, Panelanordnung und Erzählstruktur einer Aufmerksamkeit ausgesetzt werden, die in den zugrundeliegenden normierten Massenprodukten nicht zu finden ist. Die kritische Auseinandersetzung mit Recht und Gesetz, so die hier vertretene These, geht im Superheldencomic daher stets mit einer Thematisierung der eigenen Ästhetik einher.


Andreas Rauscher (Mainz)
„Author’s Rights vs. Auteur’s Duties – Probleme der Autorenpolitik im US-Comic-Mainstream”

In den 1980er Jahren veränderte die Mitwirkung von stilprägenden Comic-Auteurs wie Alan Moore und Frank Miller maßgeblich das Erscheinungsbild der US-amerikanischen Superheldencomics. Graphic Novels wie The Dark Knight Returns (1986) und Watchmen (1986) dekonstruierten die Formeln und Standards der klassischen Men-in-Tights-Epen zu Gunsten einer ambivalenten Figurenzeichnung und eines pessimistischen Gesellschaftsentwurfs, der im direkten Kontrast zum Idealismus des Golden Age stand. Doch der vermeintliche Triumph einer Politique-des-Auteurs, die das Genre der Superheldencomics nicht nur für die Feuilletons nobilitieren, sondern auch tatsächlich mit anspruchsvollen reflexiven Ansätzen und individuellen stilistischen Konzepten reformieren sollte, war von kurzer Dauer. Die von den Autor_innen entworfenen Charaktere und Story-Arcs gingen in den Besitz der Major-Verlage DC und Marvel über, die diese beliebig in Filmen adaptieren und in von den ursprünglichen Künstler_innn nicht immer anerkannten Spin-Offs fortsetzen konnten. Ausgehend vom Beispiel des von Alan Moore kategorisch abgelehnten, in Eigenregie des Verlags DC entstandenen Watchmen-Prequels Before Watchmen (2013) untersucht der geplante Vortrag den Widerstreit in den US-amerikanischen Superheldencomics zwischen einem dynamischen, als kollektive Form des Erzählens realisierten Transmedia Storytelling und der im Zeichen der Medienkonvergenz omnipräsenten Franchise-Verwaltung durch die Kulturindustrie im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit, die Charaktere und Story-Arcs lediglich als lukrativen Intellectual Property behandelt.


Jakob F. Dittmar (Malmö)
„Verwendung fremder Bilder und Texte im Comic zwischen Aneignung und Urheberrechtsverletzung“

Digitale Produktionsmöglichkeiten begünstigen das Verbinden von Medienformen und das Mischen von Inhalten. Dabei werden, da Comics mit Text und Bild arbeiten, vielfältige Quellen verwendet, die dem materiellen und immateriellen Urheberrecht unterliegen. Verweise auf Bild- und Textquellen sind jedoch schwer in Comics zu platzieren, daher kommt es immer wieder zu Plagiatsvorwürfen, obwohl man mit gleicher Berechtigung auch die gegebenen Zitate und Bezugnahmen z.B. zur Kunstgeschichte thematisieren könnte. Es wäre vor allem im Umgang mit Comics, die als Collage geschaffen worden sind, zu überlegen, ob man diesen und den ihnen zugrundeliegenden heutigen Bildbearbeitungs-konventionen näher käme, wenn man sie mit der Appropriation Art vergliche. Denn auch bei dieser musste sich das juristische Problemverständnis erst in Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen dieser Kunstrichtung entwickeln, bis ein ausreichend differenzierter Umgang auf juristischer – und auf künstlerischer Seite – erreicht wurde. Entsprechende Irritationen der vorherrschenden Meinung in der Auslegung von Urheberrechten, der Kunstfreiheit usw. wären auch in der Anwendung auf Comics somit anders zu bewerten als das bei undifferenzierten Plagiatsvorwürfen geschieht. Eine entsprechend angepasste Unterscheidung zwischen Plagiat, Zitat und Aneignung wäre ebenso bei der Bewertung von Webcomics und anderen digitalen Comics angebracht, in denen sich regelmäßig nicht nur Collagen, sondern auch Mischungen verschiedener medialer Kanäle finden, die fremdes Material verwendet. Die zugrundeliegenden Standpunkte sollen kurz eingeführt werden, um sie dann an ausgewählten Beispielen zu vertiefen. Aber – das ist klar – das gestalterische Problem, das aus der Platzierung von Urheberrechtsverweisen innerhalb von Comicsequenzen folgt, bleibt.

Wissenschaftsdiskursivierung im Medium Comic (2013)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2013
„Medien der Wissenschaft“,
02.-05.10. 2013, Leuphana Universität Lüneburg

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Comics werden in erster Linie als Medium der Unterhaltung wahrgenommen. Tatsächlich haben sich im Laufe der Zeit jedoch verschiedene Spielarten des Comics herausgebildet, die nicht (nur) unterhalten, sondern auch Wissensinhalte vermitteln.

Das Panel der AG Comicforschung setzt sich in diesem Zusammenhang mit unterschiedlichen Formen der Wissenschaftsdiskursivierung im Comic auseinander. Neben der Thematisierung comicspezifischer Verfahren der Wissensproduktion sowie Wissenschaftsdarstellung werden im Rahmen der hier versammelten Beiträge ebenfalls verschiedene Strategien der selbstreflexiven Wissensvermittlung in den Blick genommen.

Die Vorträge beschränken sich jedoch nicht nur auf Fragen, wie Erkenntnisse im Medium Comic vermittelt werden können; auch Möglichkeiten der Utilisierung von comicspezifischen Zeichen im öffentlichen Raum werden diskutiert. Der Comic kann somit als ein ‚Labor der Medienwissenschaft’ verstanden werden, in dem nicht nur Wissen über, sondern auch Wissen durch Medien produziert wird.

Moderation: Véronique Sina (Bochum)


Jens Meinrenken (Berlin):
„Comic als Medium der Wissenschaft“

Die Erkenntnisse und Erfindungen der Wissenschaft spielen im Comic eine zentrale Rolle. Wissen wird im Comic präsentiert, inszeniert und karikiert. Dabei zeigt sich, dass nicht nur in sogenannten Sachcomics, sondern auch in fiktionalen Comics wissenschaftliche Themen einen eigenen Platz finden. Der Vortrag möchte einen generellen Überblick über die Formen und Strategien der Wissenschaftsdarstellung im Comic geben. Dabei wird von der zentralen These ausgegangen, dass Comics eine spezifische Bildlogik besitzen, die eine starke Präsenz und Anschaulichkeit der geschilderten Information erzeugt. Zugleich teilt sich der Comic mit der Wissenschaft verschiedene Bildformen im Prozess der Wissensvermittlung. Vor allem die Sequenz ist in den Naturwissenschaften ein herausragendes Instrumentarium, um dynamische Vorgänge visuell und narrativ ins Bild zu setzen. Diese Nähe zur Bilderfolge des Comics soll im Vortrag ausführlich analysiert werden, um eine differenzierte Bildgrammatik der Sequenz zu erarbeiten.

DER BEITRAG VON JENS MEINRENKEN MUSSTE LEIDER ENTFALLEN!


Simon Klingler/Andreas Veits (Hamburg):
„Selbstreflexive Wissensvermittlung im Comic. Wenn Comics Comics erklären“

Verglichen mit der Literatur- oder Filmwissenschaft ist die Comicwissenschaft noch eine verhältnismäßig junge Disziplin. Obwohl die zunehmend wachsende Anzahl an Veröffentlichungen ein gesteigertes Interesse an dem Forschungsgegenstand ‚Comic’ erkennen lässt, hat sich bis heute – u.a. aufgrund der unterschiedlichen Forschungsperspektiven und heterogenen Zugänge – kein allgemein akzeptierter Kanon wissenschaftlicher Texte herausgebildet. Infolgedessen besitzen wissenschaftliche Standardwerke, wie wir sie für andere Medien kennen, im Bereich der Comicforschung immer noch Seltenheitswert.
Blickt man in die Literaturlisten comicbezogener Publikationen, stellt man mit Erstaunen fest, dass es sich bei den Werken, die wohl am häufigsten zitiert werden, um gar keine wissenschaftlichen Arbeiten im engeren Verständnis handelt: Scott McClouds „Comics richtig lesen“ (1999) und Will Eisners „Mit Bildern erzählen“ (1995) sind in erster Linie Bücher und Comics über Comics – geschrieben im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Beide Werke versuchen mit den Mitteln des Comics zu erklären, wie grafische Literatur funktioniert und entstammen dabei spezifischen Ursprungskontexten.
In ihrem Vortrag präsentieren Simon Klinger und Andreas Veits ein kritisches Re-Reading von McCloud und Eisner, bei dem folgende Fragen im Mittelpunkt stehen werden:
1. Welche Strategien der Wissensvermittlung lassen sich im Vergleich von McCloud und Eisner beobachten?
2. Was leisten diese ‚Standardwerke’ als wissenschaftliche Basistexte und welche Parameter werden durch sie im Diskurs etabliert?
3. Inwiefern kann an die Überlegungen von McCloud und Eisner angeknüpft werden bzw. wo müssen diese im Anschluss an methodologische Überlegungen der Medien- und Literaturwissenschaft weitergedacht werden?


Lukas R.A. Wilde (Tübingen)
Die Szenographie der Alltagsnavigation: Manga-Grafiken zur Darstellung von Wirkungszusammenhängen im öffentlichen Raum

Wer sich in Japan durch den öffentlichen Raum bewegt, stellt unweigerlich fest, dass sich unter der großen Menge an Hinweisschildern und Verbotstafeln kaum ein Exemplar finden lässt, das nicht in irgendeiner Weise bebildert oder illustriert wäre. Individuell gestaltete Figuren demonstrieren in humoristisch ausgearbeiteten ‚Settings‘ richtige wie falsche Verhaltensweisen, nicht selten gar den offenkundig peinlichen Fauxpas. Es handelt sich, mit anderen Worten, um eine Übertragung von Manga-Strukturen narrativ-szenographischer Prinzipien in operative gesellschaftliche Kontexte. Durch simultane Referenz auf tatsächliche Objekte, auf hypothetisches Personal, sowie auf prozessuale Handlungszusammenhänge (die oft gerade nicht stattfinden sollen), entsteht ein ‚Layout‘ an leicht verständlichen Schlussfolgerungsmöglichkeiten und Beziehungen (auch ohne der Kanji-Schriftzeichen kundig zu sein). Konventionalisierte Manga-Symboliken spielen dabei ebenso eine Rolle wie am Comic ausgebildete syntaktischen Strukturen. Die Bedeutung einer „alle Landesteile umfassenden visuellen Kultur“ ist also nur exemplarisch im Manga zu suchen, wo in einer Art Experimental‐Labor reichhaltige Werkzeuge herausgebildet wurden, die in Gebrauchsgrafiken wieder zur Anwendung kommen.


Roman Mauer (Mainz)
Ikonizität und Zeugenschaft. Dokumentarische Comics über den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Historische Zeugnisse als Basis von Wissen und Wissensvermittlung werden gemeinhin nicht im Comic gesucht. Ungeachtet dessen nehmen journalistische Comics in den letzten Jahren selbstbewusst ihren Platz zwischen Geschichtscomics und autobiografischen Comics ein. Ein auffälliger Trend ist dabei, dass der Fokus wiederholt auf Konflikte in der arabischen Welt liegt. Während dokumentarische Animationsfilme, wie „Waltz with Bashir“ (2008, Ari Folman) und „The Green Wave“ (2010, Ali Samadi Ahadi), die ungefilmte Menschenrechtsverletzungen im Libanon und im Iran sichtbar machen, in den Medienwissenschaften Beachtung fanden, sind dokumentarische Graphic Novels, die den israelisch-palästinensischen Konflikt beleuchten, noch kaum analysiert worden. Wie Reportage-Material in das Medium des Comics übersetzt wird, wie sich ikonische Zeugenschaft mit Blick auf komplexe sozio-politische Zusammenhänge vollzieht, lässt sich an den jüngeren Arbeiten von Joe Sacco, Guy Delisle, Sarah Glidden, Maximilien le Roy und Harvey Pekar (u.a.), die alle zwischen 2009-2012 publiziert wurden, thematisieren. Dass gezeichnete Bilder keinen indexikalischen Bezug zur Wirklichkeit enthalten, diese notwendigerweise umformen und somit immer auch Zeichen von Subjektivität sind, wird von den Künstlern souverän eingesetzt: Individueller Blick und Strich werden als Ausdruck der Authentizität proklamiert, Symbolik, Assoziation und Analogie als Mittel genutzt, um dem scheinbar Objektiven autodiegetisch unter die Haut zu gehen.