Diversity-Steckbrief: Jennifer Neidhardt

Jennifer Neidhardt
Universität Düsseldorf

Bild © Caspar Schnückel

Wer bist du?

Ich bin seit 2019 Doktorand*in und wissenschaftliche Mitarbeiter*in am Lehrstuhl für vergleichende Literaturwissenschaften des Instituts für Anglistik und Amerikanistik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo ich zuvor meinen B.A. und M.A. abgeschlossen habe. In meiner aktuellen Forschung untersuche ich queere Rezeptionen der klassischen Antike.

Wie bist du in der Comicforschung gelandet und was interessiert dich an Comics besonders?

Ich war schon immer begeisterte Comicleser*in und Hobbyzeichner*in. Angefangen hat das Ganze vor allem mit Manga und Webcomics während meiner Schulzeit. In meinem Studium habe ich begonnen, mich zunehmend wissenschaftlich mit Comics auseinanderzusetzen, insbesondere mit digitalen Innovationen im Bereich der Webcomics und queeren Erzählpotenzialen des Mediums. Einen Großteil meines Masterstudiums habe ich mich mit Andrew Hussies Webcomicphänomen Homestuck beschäftigt, das aufgrund seiner aktiven Fanpartizipation ca. 2011-2014 einen wahrhaftigen Online-Boom erlebte und anschließend mehr oder weniger in der Versenkung des Internets verschwand.

An Comics interessiert mich besonders, was Scott McCloud den „Gutter“ nennt – die leeren Flächen zwischen den Panels, die Leser*innen die Möglichkeit zur Projektion bieten. Neben der doppelten Sprache von Text und Bild finde ich daher spannend, was nicht gesagt oder gezeigt wird und dadurch in den Köpfen der Leser*innen stattfindet. Außerdem interessiere ich mich sehr für neue Erzählmöglichkeiten, die das Internet als Medium für Comics bietet (Einbezug von Video und Ton, neue Formen der Metanarration, interaktive Gaming-Elemente, Partizipation durch Fancommunities…). Comicforschung und Fanforschung sind für mich daher eng miteinander verbunden.

Was sind deine anderen Forschungsschwerpunkte?

Neben der Comic- und Populärkulturforschung liegen meine Forschungsschwerpunkte auf Gender und Queer Studies, transformativen Formen der Antikenrezeption und der Literatur der europäischen Romantik. Mich interessieren vor allem partizipative und multiauktoriale Erzählprozesse, in denen narrative Konzepte durch wechselnde Autor*innen eine stetige Wandlung durchleben – von der antiken Mythologie bis hin zu aktueller Online-Fanfiction. Ich stelle hierbei die sozialen Hierarchisierungs- und Kanonisierungsprozesse in Frage, die Hochkultur und Populärkultur voneinander abgrenzen (ebenso wie soziale Hierarchien innerhalb der Populärkulturforschung selbst).


Woran arbeitest du aktuell?

In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit queeren und subversiven Rezeptionen der klassischen Antike. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf partizipativen Erzählformen und der gegenseitigen Beziehung zwischen Hochkultur und Populärkultur. Ich beziehe mich daher sowohl auf die progressive Antikenrezeption in der aktuellen Populärkultur (z.B. das Musical Hadestown oder queere Fan-Communities auf sozialen Medien) als auch im literarischen Kanon, insbesondere in der Literatur der europäischen Romantik (u.a. die englische „Cockney School“ und Werke von Victor Hugo). Da in der Romantikforschung Aspekte der Queer Studies oft vernachlässigt werden und sich queere Antikenrezeptionsforschung meistens auf die griechische Päderastie und deren Einfluss auf moderne Modelle cis-männlicher Homosexualität beschränkt, ist es mein Ziel, diese verschiedenen Felder in meinem Projekt zu vereinen. Ich untersuche hierbei nicht nur diverse Konstruktionen von Sexualität und Geschlecht in kontemporären und historischen Texten, sondern beschäftige mich auch damit, wie deren Darstellung mit Erzählstrukturen, Medien und Rezeptionsprozessen verknüpft ist.

Was machst du, wenn du nicht über Comics forschst?

Die Theorie in Praxis umsetzen und Comics zeichnen! Weil mein Hobby im Laufe meines Studiums leider etwas eingeschlafen ist, habe ich vor einiger Zeit mit Freund*innen einen kleinen kreativen Zirkel ins Leben gerufen, in dem wir regelmäßig an künstlerischen Projekten arbeiten. Außerhalb meiner akademischen Forschungsinteressen beschäftige ich mich gerne mit irischer Folklore, die einen starken Einfluss auf meine kreativen Projekte hat. Ich bin außerdem ein sehr naturbezogener Mensch und gehe gerne wandern.