Diversity-Steckbrief: Anna Beckmann

Anna Beckmann
Freie Universität Berlin

Wie bist du in der Comicforschung gelandet und was interessiert dich an Comics besonders?

Ich habe erst in der Universität angefangen, mich intensiver mit Comics auseinanderzusetzen. Ich kannte zwar MAUS. A Suvivor’s Tale, Persepolis, Watchmen und ein paar andere Comics, aber dass Comics Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein können, ist mir tatsächlich erst durch ein Seminar über Geschichte in Comics an der Uni klar geworden. Damals wollte ich eine Hausarbeit über Der Fotograf von Guibert, Lefèvre und Lemercier schreiben. Im Seminar ging es viel um faktuales Erzählen. Auf einem Flohmarkt in Berlin habe ich dann aber zufällig Paul Auster‘s City of Glass von Karasik und Mazzuchelli entdeckt. Damit war es um mich geschehen. Seitdem interessiere ich mich für narrative Unzuverlässigkeit, Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und Strategien der Veruneideutigung in Comics. In der Auseinandersetzung mit diesen Themen ist mir immer deutlicher geworden, wie komplex Comics aufgrund ihrer spezifischen Ästhetik Bedeutung generieren. Das fasziniert mich bis heute.

Was hat deine Forschung mit Diversity zu tun?

Ich schreibe meine Diss über narrative Unzuverlässigkeit und Strategien der Veruneideutigung. Ich habe festgestellt, dass Geschichten, die mit Mitteln der Unzuverlässigkeit und Veruneideutigung arbeiten, häufig nicht nur mit medialen Konventionen spielen, sondern auch gesellschaftliche Normen hinterfragen. Häufig werden Vorstellungen von psychischer ‚Normalität‘, Krankheit, ethischen Werten und Identitätskategorien befragt und unterlaufen. Dabei wird der Rezeptionsprozess durch u. a. Brüche und Inkohärenz, unkonventionelles Erzählen oder metaleptische Verfahren irritiert und in den Vordergrund gerückt. Das kann dann dafür genutzt werden, die Repräsentation von marginalisierten Gruppen und die mit ihnen einhergehenden normativen und diskriminierenden Zuschreibungen zu reflektieren.


Woran arbeitest du aktuell?

In wenigen Wochen möchte ich meine Diss einreichen. Also arbeite ich gerade an den letzten Feinheiten. Ganz genau wäre das gerade ein Phänomen, dass ich als das andere Verhältnis der Comicbilder zur Mimesis bezeichne und auf das u. a. auch schon Hans-Joachim Backe, Julia Eckel, Erwin Feyersinger, Véronique Sina und Jan-Noël Thon mit dem Sammelband Ästhetik des Gemachten Interdisziplinäre Beiträge zur Animations- und Comicforschung  (2018) aufmerksam gemacht haben. Dabei schaue ich mir an, welchen Effekt die gezeichnete Qualität der Comicbilder auf Verfahren narrativer Unzuverlässigkeit und Veruneideutigung haben.

Was machst du, wenn du nicht über Comics forschst?

Ich lebe in Berlin in einem selbstverwaltete Hausprojekt mit ziemlich vielen Menschen. Dadurch ist immer etwas zu tun, aber es gibt auch oft die Möglichkeit gemeinsam zu essen oder mit Freund*innen im Hof zu sitzen. Neben der Diss arbeite ich bereits ab und zu in meinem zukünftigen Arbeitsfeld der politischen Bildungsarbeit. Das macht mir viel Spaß und ich freue mich sehr darauf, bald mehr Zeit dafür zu haben. Aber auch wenn ich mich dafür entschieden habe, nicht an der Uni zu bleiben, will ich dennoch weiter zu Comics forschen. Ich habe Lust weiterhin Konferenzen und Workshops zu besuchen und zu organisieren sowie gelegentlich einen Artikel zu schreiben. Außerdem mache ich Powerlifting (d.h. ich versuche so stark wie möglich zu werden), höre viel Punk Rock und Hardcore, bin politisch aktiv und seit 2020 Mitglied im Koordinationsteam der AG Comicforschung.