AG Comicforschung @ GfM 2019: Panel

gmf2019

S4.02: Comics und die Materialitäten von Mediengrenzen

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 93, Philosophikum; 68 Plätze

Chair: Lukas R.A. Wilde (Universität Tübingen)

Die Materialität des Comics ist nur im Plural zu fassen, beinhaltet sie doch viele unterschiedliche Facetten von Produktion, Distribution und Rezeption: gezeichnete Linien in Fundierung komplexer Seitenlayouts sowie ästhetische Erscheinungsweisen innerhalb spezifischer Trägermedien und ihren distinkten materiellen Eigenschaften.

Diese formal-ästhetisch orientierten Perspektiven auf Comic-Materialitäten werden im vorgeschlagenen Panel der AG Comicforschung um eine weitere Wendung ergänzt, die die konventionellen Mediengrenzen zwischen Comics und ‚Nachbarformaten‘ und die spezifischen Potenziale transmedialer Adaptionspraktiken in den Blick nimmt. Haptische Qualitäten und die daraus resultierenden Bedeutungsaufladungen sowie -verschiebungen stehen hierbei ebenso im Fokus wie jene diskursiven Praktiken, durch welche diese Grenzen erzeugt, aufgegriffen und permanent modifiziert werden. Materielle Mediengrenzen, auf die innerhalb von Comic-Erzählungen vielfach rekurriert wird, stellen damit zugleich eine ästhetische Ressource zur Verfügung, die sich für innovative Markierungsverfahren anbieten: etwa, wenn ihnen unterschiedliche diegetische Ebenen zugewiesen werden oder sie in rhetorischer Funktion mediale ‚Unmittelbarkeit‘ suggerieren.

Diese Potenziale werden in Perspektive auf vier Schnittstellen exemplifiziert: gegenüber den frühen Comic Supplements und ihrer Einbettung in das Trägermedium Zeitung; den intermedialen Relationen zwischen Comic und Bilderbuch; den spezifischen Collagetechniken, die Photographie, Literatur, Bilderbuch und Comic miteinander verschränken; sowie schließlich mit Fokus auf die stofflichen Qualitäten des Superheld*innenkostüms in Comic und Film.

Bevor das comic book ab Mitte der 1930er Jahre zum wichtigsten Trägermedium für sequentielle Bildergeschichten avancierte zirkulierten amerikanische Comics hauptsächlich als Teil von Tageszeitungen. In der frühen amerikanischen Comicgeschichte nehmen daher die sogenannten comic supplements—d.h. mehrseitige, farbige, diverse strips umfassende Comicbeilagen, welche als Teil der Sonntagsausgaben großer Tageszeitungen zirkulierten—eine bisher wenig beachtete Sonderrolle ein. Zwischen ihrem Auftauchen in den 1890ern und ihrem Verschwinden in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg boten farbige Zeitungsbeilagen dieser Art nicht nur Platz für spätere Klassiker der Comic-Kunst sondern halfen zudem, die regelmäßige Lektüre von kurzen Bildergeschichten als eigenständige massenkulturelle Praxis zu etablieren. Als zeitweise wichtigstes Zirkulationsmedium für Comics spielten Beilagen wie die comics section des „New York Herald“ zudem eine Schlüsselrolle für die Popularisierung und Evolution der Kunstform im Allgemeinen.

Aufbauend auf close readings der comics section des „New York Herald“ und seiner Nachfolgepublikation „New York Herald Tribune“ nimmt mein Vortrag die Medialität und Materialität der farbigen Comicbeilage in den Blick und situiert das Format innerhalb der sich rasch verändernden amerikanischen Massenkultur des frühen 20sten Jahrhunderts. Anhand einer exemplarischen Diskussion von Beilagen und Strips aus vier Jahrzehnten zeigt der Vortrag, dass das Format des comic supplements nicht nur aus comichistorischer Perspektive signifikant ist, sondern auch aktiv an der massenkulturellen Ausgestaltung moderner Freizeitregime beteiligt war. Dabei fokussiert der Vortrag insbesondere Aspekte der Seitengestaltung, mögliche Rezeptionspraktiken und Aspekte des ritualisierten Lesens, sowie die Einbettung der supplements in das serielle Trägermedium der Sonntagszeitung.

Das beständige Spiel mit Formen, Konventionen und Materialitäten der Trägermedien zeichnet die Comics von Chris Ware bereits mit Beginn seiner Comicreihe „Acme Novelty Library“ in den 1990er Jahren aus. Mit „Building Stories“ (2012) treibt Ware dieses Spiel auf die Spitze: In 14 unterschiedlichen Publikationsformaten (u.a. Zeitung, Leporello, Hardcover, ‚Kinderbuch‘, Magazin, Spielbrett) werden die Geschichten von fünf Bewohner*innen eines Chicagoer Mietshauses erzählt. Durch die Wahl der unterschiedlichen Trägermedien greift Ware die historische Entwicklung des Mediums Comic auf – so verweisen etwa die Zeitungs- und Magazinformate auf die frühen Publikations- und Distributionszusammenhänge von comic strips. Zusätzlich kontrastieren das in Leinen gebundene Hardcover sowie das an Eigenschaften eines Kinderbuches angelehnte Format mit dicken Pappdeckeln die widerstreitende Positionierung des Comics entweder als triviale Unterhaltungslektüre oder als ernstzunehmendes, hochkulturelles Werk.

Bei den Bestandteilen von „Building Stories“ trägt die spezifische Materialität des jeweiligen Formates zur Bedeutungsgenerierung innerhalb der Erzählungen bei und wird im Vortrag exemplarisch am ‚Kinderbuch‘-Format vor Augen gestellt: Die dicken Pappseiten des Einbandes und die Besitzfelder zur Personalisierung erzeugen die Erwartung einer reich bebilderten Kindergeschichte; die lesend Betrachtenden werden im Inneren aber mit comicspezifischen Panelarrangements und dem unaufgeregten Tagesablauf in einem Mietshaus konfrontiert. Es wird gezeigt, wie Ware durch die Verschmelzung von Kinderbuch- und Comic-Materialitäten die Reflexion von Darstellungskonventionen sowie kulturell geprägten Erwartungshorizonten im Spannungsfeld von Marginalisierung und Nobilitierung, Nostalgie und Wegwerfkultur anstößt und diese Erkenntnisse wiederum für die Erzählung fruchtbar macht.

Paratexte walten an den Grenzen eines Werkes um den Rezipienten Anweisungen zu geben, wie man den Text zu verstehen hat. In Illustrationen und Titelbildern besteht außerdem eine Tradition des intermedialen und assoziativen Paratextes.

Dave McKean hat als Illustrator oft paratextuell gearbeitet und ist vor allem für die Covers der Comicserie „The Sandman“ bekannt. Die diversen mixed media Techniken, die er dabei einsetzt, sind aber wie jede Collage grundsätzlich intermedial. Sie greifen auf diverse Basismedien zurück, zerstückeln, rekombinieren und metaisieren sie. Die Materialitäten und Grenzen der Basismedien werden dabei reproduziert oder nachgeahmt. Dadurch entstehen absichtliche, aber hochkomplexe „Fehlanzeigen“ der Paratexte, welche nicht nur Erwartungen und Assoziationen hervorrufen, sondern vor allem Mediendiskurse problematisieren. Identität, Rolle und Wertung der Medien werden also in Frage gestellt. Dazu kommt, dass die Wertung von Comics als sozialtaugliche Medien und Bilderbuch ohnehin problematisch ist, sodass McKeans Arbeit in diesem Kontext die Diskussion antreibt.

Das Material von Superhelden-Kostümen ist (zumindest im Comic) ein Mysterium. Sicher ist, dass es sich meist um einen elastischen Stoff ‒ Strumpfhosen nicht unähnlich ‒ handelt, in den zuweilen technische oder magische Gewebe eingearbeitet sind. Abseits dessen bleibt das Material ein blinder Fleck des Comics, auch, weil viele Superhelden-Kostüme streng genommen aus farblichen Flächen bestehen, die über die Körperformen gelegt sind und sie so nur dem Anschein nach verhüllen. Im Film gibt es demgegenüber einen regelrechten Material-Diskurs für Superhelden-Verfilmungen: Seit Michael Keaton in Tim Burtons „Batman“ (1989) in einem Panzeranzug auftrat, in dem er nicht einmal den Kopf bewegen konnte, gibt es kaum einen Superhelden-Film mehr, der sich nicht mit der Materialität der Kostüme beschäftigt. Dabei gibt die im Comic erzählerisch wenig relevante Lücke des Materials den Filmen die Möglichkeit, diese zu füllen und somit im Dreieck aus Herstellung, Materialtechnik und thematischer Verhandlung zu reflektieren. Daraus entstehen elaborierte Überlegungen zur Medialität und zum Verhältnis von Comic und Film, die Gegenstand des Vortrags sind. „Batman Returns“ (1992) und „Watchmen“ (2009) sind in diesem Zusammengang regelrechte Paradebeispiele. Der erste Film nämlich nutzt die mediale Transformation der Materialität des Kostüms, um aus einem Superhelden in Strumpfhosen einen in ‚Lack und Leder‘ zu machen, wodurch er erst eine postfreudianische Lesart des Genres anbieten kann. Der zweite Film hingegen reflektiert das Genre auch, indem er die Materialitäten von Kostümen in eine kleine Mediengeschichte überführt, sodass die Anzüge der frühen Helden im Film denen aus den ersten Superhelden-Verfilmungen der 1940er Jahre ähneln und die neueren von späteren Filmen inspiriert sind. Der Vortrag zeigt somit, wie Superhelden-Filme über die Darstellung von Materialien ganze Technik- und Kulturgeschichten in das Genre einziehen, um diese mit selbstreflexiven Elementen von Comics zu verbinden.

 

PROGRAMM: COMICS 4.0 – GfM-Jahrestagung 2018, 28.09.2018, Universität Siegen

Fr.  28. September 2018 | 16.-17.30h
Unteres Schloss | SESSION: 07.04 | RAUM: US-A 134/1

Um das revolutionäre Potenzial des ‚Digitalen’ für die Produktion, Rezeption sowie Distribution des Printmediums Comic zu verdeutlichen, führt Scott McCloud in seinem Buch Reinventing Comics (2000) das Konzept der „infinite canvas“, also der unendlichen Leinwand ein. Nicht länger an die formalen, ästhetischen oder materiellen Begrenzungen eines gedruckten Comics gebunden, stehen den Produzent_innen von Webcomics eine Vielzahl innovativer Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung, welche eine neue Ästhetik des Mediums hervorbringen: eine neue „Kunstform jenseits unserer Vorstellungskraft“ (ebd.: 241). Obwohl bis heute viele digitale Comics moderne Klassiker des Mediums hervorgebracht haben, ist die ‚formale Revolution‘ jedoch eher ausgeblieben. Im Gegenteil konnten viele Webcomic-Werke erst nach einer ‚Rückübersetzung‘ in Print breite feuilletonistische und kuratorische Aufmerksamkeit erfahren. Die ‚medialen Spezifika‘ des Digitalen scheinen hier gerade wieder eingebüßt. Das medienwissenschaftlich stetig anwachsende Interesse an den Digitalisierungsprozessen des Comics entwächst daher eher anderen Faktoren als formal-ästhetischen: Das Panel der AG Comicforschung nimmt diese insbesondere unter den Begriffen Partizipation, Distribution und Medienkonvergenz in den Blick – Aspekte, die eher durch industrielle und institutionelle Transformationen fundiert sind. Die Legitimationskämpfe um die produktive Marginalität des Comics – zwischen Massenmedium und Subkultur – machen schon immer einen wichtigen Teil seiner gesellschaftlichen und politischen Relevanz aus. Anders als etwa Filme bleiben Comics leicht(er) produzierbar und konnten seit der Jahrtausendwende – gerade auch durch ihre zunehmende Digitalisierung – zu einer weithin genutzten Form der Alltagskommentierung und -beobachtung avancieren. Unter dem Schlagwort „Comics 4.0“ möchte das Panel diesen Wandlungsprozessen, die durch die Digitalisierung des Comics ausgelöst wurden, nachgehen.

Moderation:     Véronique Sina (Köln)

Referenten:

Lukas R.A. Wilde (Tübingen): „Von Remediation zum Intermedium: Formen, Formate und mediale Rahmungen digitaler Comics“

Gibt es eine spezifische Ästhetik digitaler Comics? Webseiten, Social Media-Plattformen und Apps sind längst nicht die ersten Trägermedien, welche die Comic-Industrie(n) sich im Laufe ihrer Geschichte neu erschlossen haben. Digitale Dispositive zwingen Künstler_innen, Rezipient_innen und auch die Forschung dennoch in kaum gekannten Maße, die Grenzen, Möglichkeiten und Spezifika der medialen Gestaltungsform Comic neu auszuhandeln. Diskutiert werden muss hier nicht nur die technologische Integration erweiterter Modalitäten wie Ton, Bewegung oder Interaktivität, sondern auch der bewusste Verzicht auf vieles, was im Print noch als bestimmend galt. Bereits die Einbettung von handgezeichneten, ästhetisch konzipierten oder schlicht humoristischen Grafikdateien in Blogs scheint zunehmend als kultureller Marker für ‚Comichaftigkeit‘ zu fungieren, selbst wenn diese Grafiken überwiegend Texte oder diagrammatische Darstellungen enthalten und kaum als ‚narrativ‘ einzuschätzen wären. Dies bedeutet, dass der Comic derzeit seine ‚Lesbarkeit‘ in der visuellen und digitalen Kultur neu aushandelt, da viele seiner Elemente (formalästhetisch-semiotisch, technisch-apparativ oder auch kulturell-institutionell) nicht mehr – oder noch nicht – als stabil und konventionalisiert gelten. Die medialen Formgrenzen und Rahmungen inmitten digitaler ‚Hyper-Medien‘ scheinen sich damit in signifikanter Weise zu verschieben. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Transformationen der Comic-Produktion, -Konzeption und -Rezeption als einer ‚Industrie 4.0‘ und diskutiert insbesondere die dadurch bedingten medienästhetischen Herausforderungen.

Tim Glaser (Braunschweig): „Comics, Communities & Crowdfunding. Plattformen und deren Einfluss auf die Rezeption und Distribution von Webcomics“

Webcomics sind eine eigene digitale Industrie geworden, in dieser werden nicht nur Serien kreiert und rezipiert, sondern auch diskutiert, editiert und auf Plattformen geteilt. Verschiedene Communities bilden dabei den Ausgangspunkt für das Zusammentreffen von Künstler_innen und Leser_innen oder für das kommentieren und verbreiten von Werken. Insbesondere soziale Medien und Aggregatoren, wie Reddit oder 9Gag, haben dazu geführt, dass Webcomics heute nahezu digital omnipräsent sind. Gleichzeitig wird damit die Frage nach erfolgreichen Finanzierungsmodellen und deren Einfluss auf Webcomics relevanter. Bereits 2003 versuchte Scott McCloud mit Hilfe der Firma Bitpass seine Webcomics Serie „The Right Number“ für 25 Cent je Ausgabe online zu verkaufen, ohne großen Erfolg. Andere Formen von Microtransactions und Crowdfunding folgten, sowie verschiedene Alternativen der Finanzierung in den letzten Jahren. Der Vortrag widmet sich diesen Entwicklungen und wird dazu zuerst einen Überblick über verschiedene Angebote und deren Einfluss auf die zeitgenössische Webcomic-Industrie geben. Im nächsten Schritt wird darauf aufbauend analysiert, welchen Einfluss diese Plattformen auf die Produktion und Rezeption von Webcomics nehmen. Der Fokus wird dabei unter anderem auf Patreon liegen, die derzeit populärste Crowdfunding-Plattform für digitale Content Production. Zusätzlich werden Angebote wie Line Webtoon, Tapas.io und deren Apps untersucht, sowie Hivework, eine Community, die als digitaler Verlag agiert.

Peter Vignold (Bochum): „From A(yn) to Z(ack) – Objektivismus im zeitgenössischen Comicfilm“

Im deutschsprachigen Raum kaum rezipiert, werfen Ayn Rands Hauptwerk The Fountainhead (1943) und Atlas Shrugged (1957) sowie der daraus abgeleitete Objektivismus in den USA einen langen Schatten, der bis in die gegenwärtige Wirtschaft, Politik und Unterhaltungsindustrie hineinreicht. Während der nachträglich zur politischen Philosophie erklärte Objektivismus im wissenschaftlichen Fachdiskurs scharf kritisiert wurde und kaum stattfindet, haben Ayn Rands Ideen eines radikalen Individualismus, der moralischen Erhöhung von Selfishness und ihre Forderung einer Entgrenzung von Industrien und Kapitalismus unter möglichst vollständiger Nichteinmischung des Staats in die Belange der Bevölkerung in wirtschaftslibertäre Ideologien Einzug gehalten, prominente Befürworter im konservativen Flügel der US-Politik gefunden, prägen das Gedankengut der Tea-Party-Bewegung und des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump ebenso wie die Silicon Valley-Tech-Kultur und die von ihr ausgehenden Strategien der Digitalisierung. Mit in den 2010er Jahren erscheinenden Comicfilmen wie Iron Man 2 (2010), Man of Steel (2013), Batman v Superman: Dawn of Justice (2016) und Captain America: Civil War (2017) kehrt der Objektivismus in Form von Hollywood-Blockbustern, die weltweit hunderte Millionen Dollar einspielen und bereits vor Erscheinen fest in die Populärkultur integriert sind, in das digitale Filmzeitalter ein. Im Rahmen des Vortrags soll aufgezeigt werden, wie die aktuellen Neuinterpretationen der Marvel/DC-Helden als Echos Rand’scher Figuren erscheinen und der Objektivismus die argumentativen Linien definiert, entlang derer die ideologischen Konflikte dieser Filme positioniert und ausgehandelt werden. Eine solche Lesart verdeutlicht die Ubiquität der Ideen Rands, deren Strukturen sich deutlich nicht nur in Operationsmodi zeitgenössischer Politik und Tech-Industrien spiegeln.

Diskussionsrunde: „Comic-Industrie 4.0…? Märkte, Plattformen und Akteur_innen 2018“

Sa. 29. September 2018 | 10-11.30h
Unteres Schloss | SESSION: 08.04 | RAUM: US-A 134/1

Die Digitalisierung hat auch die deutsche Comic-Industrie nachhaltig transformiert – die tatsächlichen Auswirkungen aber sind nur schwer realistisch einzuschätzen. Insbesondere in der stark vernetzten Manga-Szene konnten sich Online-Communities wie Animexx als eigenständige Distributionskanäle etablieren, die auch professionell verlegten Künstler_innen als Alternative für narrative und ästhetische Experimente dienen. Andere Autor_innen nutzen digitale Plattformen wie Webtoon und Tapas zur zusätzlichen Verbreitung oder publizieren im Eigenverlag auf Messen und Festivals. Oft wird dies durch neue Finanzierungsmodelle wie Patreon gestützt, andere Werke erscheinen auf Englisch und adressieren damit gleich ein internationales Publikum. Dennoch können bislang kaum Kreativschaffende so ihren Lebensunterhalt bestreiten. Aber ist dies zwangsläufig das Ziel aller Künstler_innen? Oder bieten digitale Publikationstechnologien nur neue Wege in weiterhin zentrale Verlags- und Vertriebsstrukturen? Ist eine Differenzierung zwischen professionellen Werken und Fan-Produktionen wie dōjinshi heute noch sinnvoll? Die Diskussionsrunde der AG Comicforschung zum Thema „Comic-Industrie 4.0…? Märkte, Plattformen und Akteur_innen 2018“ beleuchtet diese Fragen mit Vertreter_innen großer Verlage, digitaler Interessensgemeinschaften und unabhängigen Künstler_innen.

Teilnehmer_innen:
Björn Hammel (Badham.de), Eva ‚Eve Jay‘ Junker (Comic Solidarity), Mim&Bob – Pushcart (Remembering Gale), Steffen Volkmer (Panini)

Chairs: Lukas R.A. Wilde (Tübingen) und Véronique Sina (Köln)

Zum Programm der GfM-Jahrestagung 2018

Interdisziplinäre Zugänge der Animations- und Comicforschung (GfM 2017)

Workshop im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2017
Thema: „Zugänge“, 04.10.-07.10. 2017, FAU Erlangen-Nürnberg

Donnerstag, 05.10.2017 | 16:30 – 18:30 | Ort: PSG 015

Animation und Comic verbindet eine langjährige sowie anhaltende Beziehung der wechselseitigen Adaption und Inspiration. So sind beide Medien nicht nur durch ihre historische Korrelation miteinander verbunden. Auch ihre Materialität, Ästhetik sowie Medialität lassen zahlreiche Parallelen und Schnittstellen erkennen. Doch wie gehen Animations- und Comicforscher_innen aus unterschiedlichen Disziplinen mit ihren jeweiligen Untersuchungsgegenständen um? Welche analytischen Zugänge stehen ihnen zur Verfügung und wie lassen sich die Medien Comic und Animation mit ihnen betrachten?

Der gemeinsam von der AG Animation und AG Comicforschung ausgerichtete Workshop möchte diesen Fragen nachgehen und damit die interdisziplinäre Vernetzung und Kooperation beider Forschungsfelder ausbauen und festigen. Im Rahmen von sechs kurzen Impulsvorträgen sollen verschiedene analytische Zugänge zu Animation und Comics aus primär nicht-medienwissenschaftlichen Disziplinen vorgestellt und gemeinsam mit dem Plenum anhand von konkreten Beispielen diskutiert werden. Im Zentrum des Workshops steht damit sowohl der gemeinsame, interdisziplinäre Austausch als auch die zentrale Frage, welchen Erkenntnisgewinn der Rückgriff auf benachbarte Ansätze der Kunstgeschichte, der Tanz- und Musikwissenschaft, der Digital Humanities, der Gewaltforschung oder der Disability Studies ermöglicht und wie sich diese analytischen Zugänge in traditionelle Paradigmen medienwissenschaftlicher Forschung integrieren bzw. mit ihnen kombinieren lassen.

Moderation: Lukas R. A. Wilde (Tübingen)

Referent_innen:

Oliver Moisich (Paderborn): Comics und Digital Humanities
Jörn Ahrens (Gießen): Comics und Gewaltforschung
Véronique Sina (Tübingen): Comics und Disability Studies
Franziska Bork Petersen (Kopenhagen): Animation und Tanz‐/Theaterwissenschaft
Anja Ellenberger (Hamburg): Animation und Kunstgeschichte
Daniele Martella (Tübingen): Animation und Musikwissenschaft

DIE BEITRÄGE VON JÖRN AHRENS UND ANJA ELLENBERGER MUSSTEN LEIDER ENTFALLEN!

https://www.conftool.pro/gfm2017/index.php?page=browseSessions&form_session=163#paperID161

Zu- und Übergänge des Comics (GfM 2017)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2017
Thema: „Zugänge“, 04.10.-07.10. 2017, FAU Erlangen-Nürnberg

Mittwoch, 04.10.2017 | 15:00 – 16:30 | Ort: Großer Hörsaal

Die mehrfache Adressierung, alternative Situierung und multimodale Zugänglichkeit des Comics hat sich immer wieder für die besondere Behandlung von Transversalität angeboten: Kulturelle, sprachliche und mediale Grenzen werden dann einerseits ebenso deutlich inszeniert wie andererseits kompensierend vermittelt. Das verzerrte Bild einer fremden Kultur wird zum Beispiel im Cartoon in seiner ganzen Verfremdung und vor dem Horizont seiner Subjektivität ausgestellt; zugleich aber wird etwa zur fremden Schriftsprache in einer Sprechblase durch die beigegebene Bildsequenz ein alternativer Zugang geboten.

Dazu tragen die mehrfachen Publika des Comics bei, der populär orientiert aber in Selbst- und Fremdzuschreibungen kulturell marginal verfährt und schon deshalb stets mit mehreren divergierenden Rezeptionen rechnet. Nicht weniger hat die transmediale Übersetzung aus traditionellen und in weitere moderne Formen an Übergängen und Vermittlungsleistungen Anteil; ebenso die transmediale Verknüpfung des Comics mit seiner regen Begleitkommunikation in Fankreisen, zumal in digitalen Archiven und Foren.

Das Panel der AG Comicforschung wird diesen multiplen Zugängen des Comics in ihrer Funktionalisierung für verschiedene inhaltliche und formale Übergänge anhand dreier vertiefender Lektüren nachgehen: zum Einsatz comicspezifischer Verfahren in der transkulturellen Vermittlung von Satrapis Persepolis; zur divergierenden impliziten und expliziten Rezeption jahrzehntealter populärer Serien mit ihrem Überschuss an potenzieller populärer Erinnerung; und zur kinematographischen Überführung von Comics in neue Formen, deren Reflexion zugleich einen besonderen Zugang zum veränderten Status der Kunstform in unserer Gegenwart bietet.

Moderation: Véronique Sina (Tübingen)


Maxim Nopper (Freiburg)

„Persepolis – Eine Geschichte von Übergängen: Transversalität und Liminalität“

Marjane Satrapis autobiografische Graphic Novel Persepolis handelt von Übergängen: vom Erwachsenwerden, von Migration, von Revolution und von Krieg. Persepolis spielt dabei gekonnt mit dem Entwerfen und Verwerfen von Identitätsentwürfen. Dichotome „schwarz-weiß“ Konstruktionen lösen sich regelmäßig in bunte Farbpaletten der Einzelschicksale auf. Auch das Werk selbst hat eine transnationale Geschichte: es erzählt vom Aufwachsen im postrevolutionären Iran, vom Krieg mit dem Irak und von der Auswanderung nach Österreichh – wurde aber aus der Perspektive einer in Frankreich lebenden Autorin geschrieben und richtet sich an ein breites mitteleuropäisches Publikum.

Anhand einer detaillierten Comicanalyse soll aufgezeigt werden, wie Satrapi ihr Spiel mit Identität durchführt und welche Rolle der transnationale Hintergrund für den Comic spielt. Dabei soll Persepolis in Verbindung gebracht werden mit Konzepten der Transidentität, Transnationalität und Liminalität. Somit soll geklärt werden, wie verschiedene Zugänge zu dem ungewöhnlichen Thema und zu den komplexen Strukturen geschaffen werden, oder genauer: wie Satrapi es schafft durch die Kombination der Erzählweisen von Comics und den autobiografischen sowie politischen Themen ein Publikum anzusprechen, das weit über Comicfans hinaus geht.


Stephan Packard (Freiburg/Köln)

„‚Das Panel war nicht für mich bestimmt.‘ Mehrfachadressierungen im populären Comic“

Populäre amerikanische Comics sind häufig mehrfach adressiert, insofern sie sich an Publika mit unterschiedlichen Vorkenntnissen richten.

Dazu zählen etwa Mainstream-Comics in dichten und rhizomatisch verstreuten Storyworlds, die extensiv Plotstränge, Charaktere, Ereignisse und Themen aus etlichen Jahrzehnten und verschiedenen Medien aufnehmen, aber dennoch für neue Leserinnen und Leser zugänglich sein wollen; Mehrfachcodierungen, bei denen etwa in der multimodalen Verdichtung chinesische Schriftzeichen oder Gesten der Gebärdensprache nur einigen unter vielen Leserinnen und Lesern zugänglich sein werden, obwohl auch den anderen die Lektüre gelingt; und Easter Eggs, die sich von vornherein als zufällige Entdeckungen anbieten, die bei der Lektüre auch ausbleiben können.

Anhand einiger einschlägiger Beispiele wird dieser Beitrag den kommunikativen Voraussetzungen und den Zielen dieser Verfahren nachgehen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel dieser Verfahren mit der besonderen Ästhetik verschränkter Sichtbarkeit und Sagbarkeit im Comic und der Begleitung der Produktion und Lektüre mit umfangreicher begleitender Kommunikation in digitalen Netzen.


Peter Vignold (Bochum)

„Aufbruch ins Silver Age – Das Marvel Cinematic Universe als Zugang zum Wandel in der Produktionspraxis zeitgenössischer Comicfilme“

Mit dem transmedial organisierten Marvel Cinematic Universe hat der um Superheld_innen zentrierte Comicfilm die Schwelle von episodischer Geschlossenheit hin zu offeneren Formen der Serialität, die sich an den Produktionsmodi von Comicheftserien während des sogenannten Silver Age of Comic Books orientieren, vollständig überschritten. Mit ihrer für Eventblockbuster vergleichsweise exzessiven Serialität haben die Filme der Marvel Studios nicht nur den Zugang zu einem neuen Produktionsmodus von serialisierten Comicfilmen eröffnet, sondern auch über die Grenzen des Comicfilms hinaus in den Köpfen der Film- und TV-Schaffenden das Phantasma der unbedingten Bankability von hyperseriell strukturierten Cinematic Universes installiert. Dieses und weitere Signale können als indikativ für den Übergang in ein „silbernes Zeitalters des Comicfilms“ betrachtet werden, das hier zur Diskussion gestellt und auf seine Bedeutung für die Verschränkung von Serialität, Medialität und Ökonomie im zeitgenössischen transmedia franchising hin befragt werden soll.

https://www.conftool.pro/gfm2017/index.php?page=browseSessions&form_session=5#paperID145

Kritische Bilder des Comics (2016)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2016
Thema: „Kritik!“, 28.09.-01.10. 2016, Freie Universität Berlin

banner_gfm2016_kritik_930-1

Können Comic-Bilder und ihre Inhalte kritisch sein? Mit dieser Frage setzt sich das Panel der AG Comicforschung auseinander. In vier Beiträgen soll dem kritischen und gleichsam gesellschaftspolitischen Potenzial des Mediums nachgegangen werden.
Als populärkulturelles Medium für die Massen sieht sich der Comic immer wieder mit dem Vorwurf der Trivialität konfrontiert. Vermeintlich ‚schnell und billig’ produziert richten sich die ‚bunten Bilder’ des Comics angeblich primär an eine jugendliche Leserschaft. Und auch die langjährige Dominanz humoristischer sowie aktionsgeladener Themen und Inhalte hat im Laufe der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Mediums ihr Übriges zu dem ‚schlechten Ruf’ des einst als ‚Schundliteratur’ verpönten Comics beigetragen.
Wie die vier Beiträge des Panels zeigen werden, können die Bilder (und Inhalte) des Comics jedoch durchaus ‚kritisch’ sein. Als hybride und grenzüberschreitende Form, handelt es sich beim Comic um ein uneindeutiges und zuweilen widerspenstiges Medium (vgl. Engelmann 2013, Sina 2016), welches aufrund seiner spezifischen medialen Beschaffenheit das (transgressive/subversive) Potenzial besitzt, hegemoniale Zu- und Einschreibungsprozesse als solche sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen.

Moderation: Véronique Sina (Universität zu Köln)


Lukas R. A. Wilde (Eberhard Karls Universität Tübingen)
„Das kritische Potential non-narrativer Webcomics als piktorialem Intermedium“

Comics werden überwiegend als narratives Medium erachtet. Eine Minimalbedingung narrativer Darstellungen dürfte sein, auf eine Storyworld zu verweisen: „a world populated by individuated existens“ (Ryan 2007: 29). Es ließe sich fortführen: „But if we conceive of a world as some kind of container for individual existents, or as a system of relationships between individual existents, not all texts project a world“ (Ryan 2014: 32). In der Comic und Filmforschung überwiegt die Annahme, dass Bilder grundsätzlich Individuelles zeigen. Vor weiteren bildsemiotischen Ansätzen, ebenso wie vor den verschiedensten Praxen des täglichen Bildgebrauchs, stellt dies freilich einen Spezialfall dar. Weder bei Piktogrammen und Infografiken, noch bei Verkehrsschildern oder Emoticons, wird man von Individuen in selektiv dargestellten Storyworlds sprechen. Die Objekte, die solche Bilder darstellen, sind nur intensional, nicht extensional bestimmt. Die Schwelle zur narrativen Repräsentation wäre so erst in der piktorialen Kontextbildung überschritten, als „System raumzeitlicher Relationen […], nicht nur ein, sondern das Identifizierungssystem für Wahrnehmbares“ (Tugendhat 1976: 462).
Das Potential einer diskursiven Bildlichkeit zeigt sich besonders im Bereich des Webcomic, wo Serien wie Matthew Inmans The Oatmeal oder Schloggers (Johanna Baumanns) Gehirnfürze und andere Comics als Medien der Alltagsbeobachtung auftreten. Wenn der Comic genau dann als „grenzüberschreitendes Intermedium“ zu verstehen ist (Packard 2016: 63; Mitchell 2014), wenn seine Bilder und ihre Leseweisen uns wieder unvertraut werden, so scheint sich dies aktuell im Verzicht auf narrative Individuation und piktoriale Kontextbildung zu vollziehen. Mit Hilfe der prädikativen und der modalen Bildtheorie soll dieses Potential genauer beleuchtet werden. So kann auch selbst kritisch gefragt werden, warum es derzeit noch kaum zum gesellschaftspolitischen Kommentar genutzt wird.


Marie Schröer (Universität Potsdam)
„Der Bobo in der BD. Karikaturale Ideologie- und Milieukritik im französischen Autor_innen-Comic“

In kaum einem Artikel über die Comicautorin Claire Bretécher fehlt das Zitat Roland Barthes‘, der sie 1976 als die „beste Soziologin des Jahres“ bezeichnete. Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte sie ihre Serie Les Frustrés (dt. Die Frustrierten) bereits seit drei Jahren in dem linken Nachrichtenmagazin Le Nouvel Observateur.
Sie selbst gab an, mit ihren Strips bewusst auf die Leserschaft der Zeitschrift abzuzielen. So betrieb sie mit ihren Frustrierten humoristische Milieukritik: Die Comics setzen die widersprüchliche Selbstgerechtigkeit der ehemaligen 68er und nunmehr saturierten Linksintellektuellen pointiert in Szene.
Überzeichnet wird in den kurzen Strips konkret der Typus des Bourgeois-Bohémiens, kurz Bobos; gefangen im Kanon des (kaviar-)linken Standardrepertoires, geborgen unter seinesgleichen. Ähnlich selbstaffirmative Pariser Soziotope sind fast 30 Jahre später die Zielscheibe eines Albums mit dem vielsagenden Titel Bienvenue à Boboland des Autoren- Duos Dupuy & Berberian. Die Bobos von heute sind hier die Großstadt-Hipster, die sich in ihren Requisiten und Themen, nicht aber in ihrem Gestus von denen der 70er Jahre unterscheiden.
Beiden Comics ist nicht nur das Thema, sondern auch die Verhandlungsweise gemein. Selbstironische Beobachtungen innerhalb des vertrauten Milieus werden überzeichnet und humoristisch zugespitzt.
Ziel des Vortrages ist zum einen, die soziologische Relevanz in der Diskussion um Typologien des Bobos und Hipsters aufzuzeigen. Darüber hinaus soll ausgearbeitet werden, inwiefern Gesellschaftsportrait und -parodie in beiden Fällen von der visuellen Darstellung in Comic-Form profitieren. Kritik wird mittels Karikatur plakativ im Zusammenspiel von Text und Bild geübt: So sind beispielsweise die Panels der Frustrierten oft von logorrhoischen Wortkaskaden vor immer gleicher Kulisse gefüllt; bunte Konsum-Collagen mit immer wiederkehrenden Logos schmücken Boboland. Comic und Komik werden gemeinsam zum Vehikel für Kritik.


Christina Maria Koch (Philipps-Universität Marburg)
„Der Patientin eine Stimme: der Blick auf Gesundheitssysteme in Krankheitscomics“

Autobiographische Erzählungen von Krankheitserfahrungen liegen seit einigen Jahren auch in Comic-Form im Trend und werden unter dem Label „Graphic Medicine“ untersucht. Da sie subjektivem Erleben eine mediale Plattform bieten, stellen diese Werke einen Gegenpol oder zumindest eine Ergänzung zu dominantem professionell-medizinischen Wissen dar. Darüber hinaus lässt sich oftmals explizite oder implizite Kritik an Gesundheitssystemen finden: thematisiert werden etwa sozioökonomische Zugangsbarrieren, Machtverhältnisse in der Ärzt_innen-Patient_innen-Interaktion, der Mangel an Pflege, Gesundheitsdogmen und individualisierte Verantwortlichkeiten oder konkurrierende Wissenssysteme.
Dieser Vortrag will verschiedene Formen dieser Kritik in autobiographischen Comics aufzeigen und untersuchen, mit welchen medienspezifischen Mitteln sie artikuliert werden. Beispiele hierfür sind Formen der Darstellung von Subjektivität, Selbstreferentialität, die Inszenierung visueller medizinischer Topographien oder das Aufgreifen kultureller Tropen/Symbole der Medizin. Untersucht werden soll auch, inwiefern verschiedene Formen von Kritik mit unterschiedlichen Stilen und Erzähltraditionen in Comics zusammenhängen. Der Fokus wird auf zeitgenössischen nordamerikanischen Werken wie John Porcellino’s The Hospital Suite, Ken Dahl’s Sick, David Small’s Stitches, Ellen Forney’s Marbles und Julia Wertz’ The Infinite Wait liegen.


Nina Heindl (Ruhr-Universität Bochum)
„Über Voreingenommenheit reflektieren. Das kritische Potential von Chris Wares Building Stories

Der Comic Building Stories (2012) des amerikanischen Comickünstlers Chris Ware hat die Geschichten der Bewohner_innen eines Chicagoer Mietshauses zum Gegenstand. Darunter befindet sich als Haupterzählstrang die Narration einer jungen Frau mit Beinprothese, deren Leben geprägt ist von Depression, Selbstzweifel, Einsamkeit und der Suche nach einer beständigen und liebevollen Beziehung. Die körperliche Behinderung der Protagonistin wird vornämlich in Passagen thematisiert, in denen sie mit anderen Figuren interagiert und diese auf ihre Prothese aufmerksam machen. Auf visueller Ebene wird ihr verkürztes Bein als selbstverständlicher Bestandteil in Szene gesetzt, so wie auch andere ihrer Gliedmaßen je nach Situation im Fokus stehen.
Der Vortrag verfolgt die These, dass die Interpretation der körperlichen Behinderung als Grund für die soziale Isolation der Protagonistin – und damit als Stereotyp von Behinderung sowie einer Abweichung von der sogenannten ‚Norm‘ – in hohem Maße von der Wahrnehmung der lesend Betrachtenden bestimmt wird. Wares spezifische Darstellungsweise im Medium Comic stellt die eigene soziale und kulturelle Prägung der lesend Betrachtenden vor Augen und lässt die Rezipierenden über diese voreingenommene und durch gesellschaftlich konstruierte Barrieren geschaffene Einstellung reflektieren.
In einer rezeptionsästhetisch-orientierten Betrachtung des Werks soll am Beispiel von Building Stories das kritische Reflexionspotential von und durch Bilder herausgestellt werden. Durch körper- und bildtheoretische Bezüge wird gezeigt, dass in diesem Werk Erkenntnisse der Disability Studies verhandelt und den lesend Betrachtenden dadurch die eigene soziale und kulturelle Determiniertheit in der Auseinandersetzung mit Behinderung vor Augen gestellt werden.

DER BEITRAG VON NINA HEINDL MUSSTE LEIDER ENTFALLEN!

Comic Criticism. Grundlagen der Comicanalyse (2016)

Workshop im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2016
Thema: „Kritik!“, 28.09.-01.10. 2016, Freie Universität Berlin

banner_gfm2016_kritik_930-1

Freitag, 30.09.2016 | 14:00 – 16:00 | Ort: KL 29 / 139

Angesichts einer während der letzten Jahre zu beobachtenden Konsolidierung und Kodifizierung der medienwissenschaftlichen Comicforschung auch und gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz möchte dieser in Kooperation mit der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft ausgerichtete Workshop interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gelegenheit geben, im Rahmen von Kurzvorträgen, Diskussionen und gemeinsamer Arbeit am Material Grundlagen der Comicanalyse zu erarbeiten. Der Workshop wird vor diesem Hintergrund mit Impulsvorträgen zur semiotischen, multimodalen, narratologischen, intermedialen, intersektionalen und interkulturellen Comicanalyse verschiedene Ansätze vorstellen, mit deren Hilfe verschiedene Aspekte ganz unterschiedlicher Comics in den Blick genommen werden können.

Organisation: Jan‐Noël Thon (Tübingen)
Chairs: Jan‐Noël Thon (Tübingen) und Véronique Sina (Köln)

Beiträge:

  • Stephan Packard (Freiburg): Semiotische Comicanalyse
  • Janina Wildfeuer (Bremen): Multimodale Comicanalyse
  • Jan‐Noël Thon (Tübingen): Narratologische Comicanalyse
  • Andreas Rauscher (Siegen): Intermediale Comicanalyse
  • Véronique Sina (Köln): Intersektionale Comicanalyse
  • Lukas R. A. Wilde (Tübingen) – Interkulturelle Comicanalyse

https://www.conftool.pro/gfm2016/index.php?page=browseSessions&form_session=57&presentations=show

Programm: Mediality and Materiality of Contemporary Comics (2015)

2WS

Room 027 | Neuphilologicum (Brecht-Bau), Wilhelmstrasse 50, 72074 Tübingen

Der 2. Workshops der AG-Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) wird am 24.-26. April 2015 an der Graduiertenakademie der Universität Tübingen ausgetragen werden. Unter dem Thema „Mediality and Materiality of Contemporary Comics“ diskutieren insgesamt 15 Beitragende eine große Bandbreite an Phänomenen, die das Verhältnis von Materialität und Medialität unter den Bedingungen von Medienkonvergenz und Digitalisierung ausloten.

Weiterlesen Programm: Mediality and Materiality of Contemporary Comics (2015)

Comicforschung trifft Medienwissenschaft (2014)

workshop2014

Erster Workshop der AG Comicforschung der Gesellschaft für Medienwissenschaft
25./26. April 2014,
Ruhr-Universität Bochum, Gebäude GB, Raum GABF 04/611

Seit 2013 gibt es in der Gesellschaft für Medienwissenschaft eine Arbeitsgemeinschaft für Comicforschung. So selbstverständlich es einem erscheinen mag, dass Comics nun in diesem Fachverband ebenso vertreten sind wie Radio, Fernsehen und Kino, stellt sich doch die Frage, wie sich Comicforschung und Medienwissenschaft zueinander verhalten.

Die Medienwissenschaft beschäftigt sich, auf technologischer wie soziokultureller Ebene, mit der Philosophie, Geschichte und Ästhetik von Medien(systemen). Auch wenn die Erforschung von Comics innerhalb dieser Parameter möglich und sinnvoll ist, muss zunächst reflektiert werden, ob man Comics als Medium versteht (und nicht als intermediale Hybridform oder literarische bzw. bildkünstlerische Gattung) und, verbunden damit, welchen Medienbegriff man überhaupt zugrunde legt. Sollte man, sowohl hochschulpolitisch wie von der Sache her, Comicforschung als Teil der Medienwissenschaft betreiben, oder sollte sie nicht heterogen und interdisziplinär bleiben? Kann die Comicforschung vom Instrumentarium der Medienwissenschaft profitieren (und/oder umgekehrt)? Soll medienwissenschaftliche Comicforschung ein kohärenter, eigenständiger Ansatz sein, der zu bildwissenschaftlicher, philologischer oder komparatistischer Betrachtungsweise in Konkurrenz tritt? Bieten die Grundsätze, Traditionen und Fachkonventionen der Medienwissenschaft Potential zur Verbesserung des Unterrichts mit Comics, neue Schwerpunkte, bessere Theorien?

Der Workshop gibt interessierten (Comic-)Forscher_innen die Gelegenheit, zu diesen und vielen weiteren Fragen Stellung zu beziehen und damit die programmatische Positionierung der AG maßgeblich mitzugestalten. Er ist daher als kurze, fokussierte Veranstaltung mit einer kleinen Anzahl intensiv diskutierter Beiträge angelegt. Fünf Vortragende geben mit ausführlichen Referaten Impulse, die am Ende des Workshops in einer Round-Table-Debatte zusammengeführt werden.

CfP_Comicforschung trift Medienwissenschaft_RUB 2014 (PDF, 57kb)

Ansprechpartner_innen:

Hans-Joachim Backe (hans-joachim.backe@rub.de)
Véronique Sina (veronique.sina@rub.de).

Programm:

Freitag, 25.04.2014:

14.30-15.00h //
Einführung (Hans-Joachim Backe)

15.00h-16.00h // Vortrag 1
Julia Ingold (Kiel): „Comictheorie und Literaturwissenschaft – oder: wie mir Anne Magnussen geholfen hat Bachmanns ‚Malina’ zu interpretieren“
(Abstract_AG Workshop RUB 2014_Julia Ingold)

16.00h-17.00h // Vortrag 2
Roger Dale Jones (Gießen): „Video Game Fan-Comics as Multimodal and Multimedial Communication“
(Abstract_AG Workshop RUB 2014_Roger D_ Jones)

Samstag, 26.04.2014:

10.30h-11.30h // Vortrag 3
Jan-Noël Thon (Tübingen): „Medienwissenschaft, Comic Studies und transmediale Narratologie“
(Abstract_AG Workshop 2014_Jan-Noel Thon)

11.30h-12.30h // Vortrag 4
Lukas R.A. Wilde (Tübingen): „Was unterscheiden Comic-‚Medien‘?“
(Abstract_AG Workshop RUB 2014_Lukas R_A_ Wilde)

14.00h-15.00h // Vortrag 5
Véronique Sina (Bochum): „Comics und die Kategorie Gender. Ein Plädoyer für das Zusammendenken medienwissenschaftlicher Comicforschung und genderorientierter Medienwissenschaft“
(Abstract_AG Workshop RUB 2014_Veronique Sina)

Im Anschluss (bis max. 17.00h):
Round-Table-Diskussion
Moderation: Hans-Joachim Backe und Véronique Sina

Anmeldung:

Anmeldungen zum Workshop bitte bis zum 11. April 2014 an folgende E-Mail-Adresse: veronique.sina@rub.de.

Download:

Flyer_AG Comicforschung_Workshop RUB 2014 (PDF, 147kb)
Poster_AG Comicforschung_Workshop RUB 2014 (PDF, 176kb)

Anreisedetails:

Anreise und Hotelempfehlungen_AG Workshop RUB 2014 (PDF, 86kb)

Lageplan der Ruhr-Universität Bochum

lageplan13

Utopien des Comics (2015)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2015
Thema: „Utopien. Wege aus der Gegenwart“, 30.09.-03.10. 2015, Universität Bayreuth

gfmjahrestagung2015

Zwar sind Zukunftsvorstellungen im Plot vieler zeitgenössischer Comics – wie auch in Literatur, Film, und im Computerspiel – primär dystopisch, d.h. von einer Kritik gegenwärtiger Missstände und von sozialen, ökologischen und technologischen Risiken bestimmt. Dem stehen andererseits bereits in der Anlage der Genres im Mainstream des Comics zukunfts- und fortschrittsgläubige, technikbejahende Entwürfe gegenüber. Das Ende des menschlichen Zeitalters – um Fredric Jameson (2005) und Slavoj Žižek (2011) umzuformulieren – erscheint heute allerdings leichter vorstellbar als das Ende des Kapitalismus. Jedoch bedeutet dies keineswegs, dass, wie vielfach konstatiert wird, die Utopie tot ist, ganz im Gegenteil. Jameson und Žižek selbst sind die besten Beispiele dafür.

Das Panel der AG Comicforschung wendet sich dem utopischen Denken im zeitgenössischen Comic zu, wo Spannungen in der Tradition fiktionaler Zukunftsentwürfe zwischen Antizipation, Aspiration und Fantastik produktive Verwerfungen entstehen lassen. Dabei nutzt der Comic schon im Medium angelegte erzählerische Leerräume und die dadurch entstehenden Instabilitäten, Irritationen und Brüche, um ambivalente utopische Fragmente innerhalb dystopischer oder postapokalyptischer Welten aufzuwerfen. Gerade durch die Fortsetzung und Neuperspektivierung seiner traditionell utopischen Stoffe und Topoi gewinnt der Comicredifferenzierende Spielräume, in denen sich die vermeintliche Unausweichlichkeit einer Utopie und die oft nur scheinbare Freiheit ihrer Vorstellung neu gegeneinander ausspielen lassen.

Fragen ergeben sich insbesondere aus medium-spezifischen Zeit/Raumdarstellungen, posthumaner Körperlichkeit, utopisch/dystopischen Gesellschaftsformen im Comic, der Unzuverlässigkeit von Körperdarstellungen, transmedialen Genrebezügen zwischen Apocalypse, Science Fiction, Superhero Comic, Utopie und Dystopie, sowie aus deren historischer Entwicklung in der Tradition der Comicliteratur und dem utopischen Roman.

Moderation: Laura Oehme (Universität Bayreuth)

Zum Tagungsbericht von Laura Oehme:
http://www.comicgesellschaft.de/2015/11/12/tagungsbericht-panel-utopien-des-comics-der-ag-comicforschung/

http://medienwissenschaft.uni-bayreuth.de/gfm2015/


Jeanne Cortiel (Universität Bayreuth)
„Apokalypse als Utopie: Robert Kirkmans The Walking Dead

In der gegenwärtigen Diskussion wird – wie auch im CFP für diese Tagung – angesichts eskalierender Zukunftsängste die Dominanz dystopischer Visionen im zeitgenössischen antizipatorischen Erzählen konstatiert. Diese Einschätzung stimmt auch mit der soziologischen Analyse der Gegenwart als “reflexive Moderne” (Anthony Giddens) und “Weltrisikogesellschaft” (Ulrich Beck) überein, in der die Kontinenz von Zukunftserwartungen nicht mehr von göttlicher Vorsehung bestimmt oder durch Risikokalkulationen zähmbar ist. Utopien haben angesichts der sich klar abzeichnenden Klimakatastrophe offenbar keinen Raum mehr in Zukunftsvisionen; stattdessen führen uns Disasternarrative in Fiktion und Wissenschaft den Untergang in allen denkbaren Variationen immer wieder neu vor Augen. Bei dem Fokus auf Utopie und Dystopie – beides in der Frühmoderne verwurzelte Formen alternative Welten zu imaginieren – kommt allerdings die anhaltende Produktivität der Apocalypse als spezifisch vormodernes literarisches Genre – das immer auch eine positive Vision einer gänzlich anderen Welt enthält – meist völlig aus dem Blick. Dieser Vortrag wendet sich Robert Kirkmans Comicserie The Walking Dead zu, die das Genre der Zombie-Apokalypse nutzt, um sich – so mein Argument – auf utopische Ideen aus dem 19. Jahrhundert zurück zu beziehen. Dieser Bezug zeigt sich sowohl in der visuellen Darstellung von Raum und dessen utopischer Markierung als auch in der Entwicklung der Vater-Sohn Beziehung und deren stabilisierende Funktion für die Gemeinschaft. Dass die positive Vision immer wieder an physische Grenzen stößt und der serielle narrative Rhythmus die Apokalypse konterkariert hebt deren Ambivalenz hervor, ohne die Möglichkeit der Utopie ganz zu negieren. Der Vortrag ist Teil eines größeren Forschungsprojektes zu Risikotechnologien in der Speculative Fiction (in Literatur, Film, und Comic).


Stephan Packard (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)
„Unzuverlässiger Cartoon und posthumanistische Utopie. Zu transmedialen Irritationen in Superior Iron Man

Das Bündel posthumanistischer Utopien, die Körpermodifikationen und -ersetzungen betreffen, kann mit der körperbildorientierten Erzählweise von Comics in besonderer Weise interagieren. So war der ursprüngliche Entwurf von Iron Man eine Variante des Cyborg-Motivs, während die häufig von Widersachern eingesetzte extremis-Technologie Imaginationen zu biologischem Engineering erforscht.

Die 2014 begonnene Marvel-Reihe Superior Iron Man kehrt zu diesen Themen der Serie zurück und verwendet sie zu einem inhaltlichen und formalen Spiel mit den Konventionen der Comic-Erzählung: In ihren Bildern ist jeder Körper und Cartoon suspekt. Was Cyborg, was mutiertes Gewebe, was Hologramm und was Maske ist, ändert sich von Seite zu Seite. Der Zweifel am dargestellten Körper greift dabei tief in die Routinen der Comiclektüre ein. Hatte sich das Vorbild der inzwischen abgeschlossenen Reihe Superior Spider-Man immer wieder Formen des unzuverlässigen Erzählers bedient, ist es nun die Erzählform des unzuverlässigen Cartoons, dessen routinierte Interpretation die Leserschaft gezielt täuschen kann.

Der Beitrag wird die Verschränkung thematischer und formaler Körperreimaginationen betrachten und insbesondere darauf eingehen, inwiefern eine Historisierung transmedialer Beziehungen die Verfahren des unzuverlässigen Erzählens transparent machen kann.


Véronique Sina (Ruhr-Universität Bochum)
„Gebrochene Helden. Entwürfe von Männlichkeit(en) in Enki Bilals dystopischer Comicwelt“

Paris im Jahr 2023 – Dies ist der Schauplatz von La Foire aux Immortels, dem ersten Teil der von Enki Bilal kreierten dystopischen Comicreihe La Trilogie Nikopol (1980-1992). Als „düstere Zukunftsprojektion einer spätkapitalistischen Gesellschaft, in der sich der Verlust der politischen Ideale im kalten Neon-Look der 1980er Jahre spiegelt“ (Knigge 2004, 225), präsentiert die bande dessinée ihren Rezipient_innen eine durch Fragmentierung und Kontingenz geprägte hypermediale Comicwelt, welche sich aus einer heterogenen Mischung unterschiedlicher Zeichensysteme und intermedialer Verweise speist.

Die ‚Brüchigkeit’ des Gezeigten (bzw. Erzählten) beschränkt sich jedoch nicht nur auf Bilals ‚grafische Poesie’. Genau wie die sie umgebende Welt sind auch Bilals Comicfiguren sowie die von ihnen verkörperten Entwürfe von Geschlecht durch einen gewissen Grad der Kontingenz und Unbeständigkeit gekennzeichnet. Im Fokus des Vortrags wird mit Alcide Nikopol – dem Protagonisten und Namensgeber der dystopischen Comicreihe – ein gebrochener Held stehen, welcher im Verlauf der Erzählung zunehmend an Souveränität verliert und sich in einem anhaltenden Prozess des Werdens – oder besser gesagt der kontinuierlichen Identitäts(re)konstruktion befindet. Als Cyborg-Figur stellt Nikopol zudem eine uneindeutige Kreatur dar, die gängige Konventionen sowie Kategorisierungen durchbricht und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen von Identität und (Geschlechts)körper nicht nur als soziokulturelle Konstrukte entlarvt, sondern gleichzeitig auch für eine stetige Verhandlung öffnet.

Comics und Recht (2014)

AG-Panel auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft 2014
„Medien | Recht“, 02.-04.10. 2014, Philipps-Universität Marburg

gfm2014_logo

Das Panel der AG Comicforschung diskutiert das Verhältnis von Comics und Recht in drei Dimensionen.

Erstens geht es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Rechtsdiskursen in den traditionellen Genres der Gangster-, Detektiv- und Superheldencomics. Deren Darstellung von Verbrechensbekämpfung beinhaltet stets eine zumindest implizite Auseinandersetzung mit der Justiz. Die Selbstverständlichkeit von Vigilantentum in der Superheldentradition ist in revisionistischen Genrecomics intensiv hinterfragt und bis zum Zusammenbruch und der (Re)-Konstruktion von Rechtssystemen in Utopien und Dystopien weitergeführt worden.

Zweitens wird das für Comicschaffende typischen Spannungsverhältnis zwischen Zuschreibung und Aneignung untersucht. Autor_innen und Zeichner_innen werden für negative Reaktionen auf ihre Schöpfungen zwar verantwortlich gemacht, profitieren von deren Vermarktung in der Regel aber nur in begrenztem Umfang. Auch in Zeiten massiv gelockerter (Selbst-)Zensur nehmen Verlage, Vertriebe und Verbände auf Comicschaffende Einfluss. Dass zu dem hieraus resultierenden Mangel an künstlerischer Autonomie in der Regel auch wirtschaftliche Benachteiligung wie erzwungene Abtretung von Eigentums- und Verwertungsrechten kommen, hat gerade im US-Mainstream zur Abwanderung namhafter Künstler_innen zu Independent-Verlagen oder gar deren Selbstvertrieb geführt.

Drittens wird einer noch stärker medienrechtlichen Facette von Urheberrecht im Comic nachgegangen. Die Verwendung sogenannter Bildzitate (in der Regel ohne Herkunftsangabe), von Bildern und Texten, über deren Urheberrecht man nicht verfügt, stellt ein typisches Comic-Problem dar. Die Verwendung und Weiterbearbeitung fremder Bilder und Texte kann dabei jedoch nicht nur wie gewohnt als urheberrechtliches Problem, sondern auch als Bestandteil heutiger künstlerischer Ausdrucksformen und entsprechender Aneignung von Medieninhalten diskutiert werden.

Moderation: Véronique Sina (Bochum)

Zum Tagungsbericht von Laura Oehme.

www.online.uni-marburg.de/gfm2014


Hans-Joachim Backe (Bochum)
„Ästhetik der Selbstjustiz. Bruch von Comickonventionen als Reflektion von Rechtsdiskursen“

Der Comic-Mainstream ist seit Anbeginn auf inhaltlicher Ebene mit (Un-)Rechtsdiskursen verknüpft. Gangster-, Detektiv- und die aus ihnen hervorgegangenen Superheldencomics verhandeln immer aufs Neue Fragen von Recht und Gesetz. Superman, der erste und prägendste Superheld, stellt seine anfänglich recht groben Methoden schnell in den Dienst der Öffentlichkeit und folgt einem Ethos, das ihn in eine Linie mit Staats- und Rechtssystem bringt. Gerade im Marvel-Universum wird Figuren wie Spider-Man oder den X-Men gesellschaftliche Anerkennung länger versagt, was sie oft ohne eigenes Zutun zu Gesetzlosen macht. Darüber hinaus begeben sich Figuren wie der Punisher oder Batman ständig oder zeitweise in offene Opposition zum Rechtsapparat und orientieren sich ausschließlich an ihrem eigenen Wertekodex. Spätestens seit den 1980er Jahren sind die Justizdiskurse des Superheldencomics Gegenstand seiner eigenen Reflektion geworden. Der hier skizzierte Beitrag argumentiert, dass in den einschlägigen Texten dieser Tradition – von Moore und Gibbons Watchmen (1985-1986) über Mills und O’Neills Marshall Law (1987-2002) bis hin zu Ennis und Robertsons The Boys (2006-2012) – die fragwürdigen Rechtskonzepte ihrer Figuren nicht nur inhaltlich, sondern auch durch eine Ästhetik des Normbruchs zum Ausdruck bringen. Die gesamte Bandbreite ästhetischer Verfahren wird von diesem Normbruch berührt, so dass Linienführung und Koloration, Sprechblasen und Soundwords, Panelanordnung und Erzählstruktur einer Aufmerksamkeit ausgesetzt werden, die in den zugrundeliegenden normierten Massenprodukten nicht zu finden ist. Die kritische Auseinandersetzung mit Recht und Gesetz, so die hier vertretene These, geht im Superheldencomic daher stets mit einer Thematisierung der eigenen Ästhetik einher.


Andreas Rauscher (Mainz)
„Author’s Rights vs. Auteur’s Duties – Probleme der Autorenpolitik im US-Comic-Mainstream”

In den 1980er Jahren veränderte die Mitwirkung von stilprägenden Comic-Auteurs wie Alan Moore und Frank Miller maßgeblich das Erscheinungsbild der US-amerikanischen Superheldencomics. Graphic Novels wie The Dark Knight Returns (1986) und Watchmen (1986) dekonstruierten die Formeln und Standards der klassischen Men-in-Tights-Epen zu Gunsten einer ambivalenten Figurenzeichnung und eines pessimistischen Gesellschaftsentwurfs, der im direkten Kontrast zum Idealismus des Golden Age stand. Doch der vermeintliche Triumph einer Politique-des-Auteurs, die das Genre der Superheldencomics nicht nur für die Feuilletons nobilitieren, sondern auch tatsächlich mit anspruchsvollen reflexiven Ansätzen und individuellen stilistischen Konzepten reformieren sollte, war von kurzer Dauer. Die von den Autor_innen entworfenen Charaktere und Story-Arcs gingen in den Besitz der Major-Verlage DC und Marvel über, die diese beliebig in Filmen adaptieren und in von den ursprünglichen Künstler_innn nicht immer anerkannten Spin-Offs fortsetzen konnten. Ausgehend vom Beispiel des von Alan Moore kategorisch abgelehnten, in Eigenregie des Verlags DC entstandenen Watchmen-Prequels Before Watchmen (2013) untersucht der geplante Vortrag den Widerstreit in den US-amerikanischen Superheldencomics zwischen einem dynamischen, als kollektive Form des Erzählens realisierten Transmedia Storytelling und der im Zeichen der Medienkonvergenz omnipräsenten Franchise-Verwaltung durch die Kulturindustrie im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit, die Charaktere und Story-Arcs lediglich als lukrativen Intellectual Property behandelt.


Jakob F. Dittmar (Malmö)
„Verwendung fremder Bilder und Texte im Comic zwischen Aneignung und Urheberrechtsverletzung“

Digitale Produktionsmöglichkeiten begünstigen das Verbinden von Medienformen und das Mischen von Inhalten. Dabei werden, da Comics mit Text und Bild arbeiten, vielfältige Quellen verwendet, die dem materiellen und immateriellen Urheberrecht unterliegen. Verweise auf Bild- und Textquellen sind jedoch schwer in Comics zu platzieren, daher kommt es immer wieder zu Plagiatsvorwürfen, obwohl man mit gleicher Berechtigung auch die gegebenen Zitate und Bezugnahmen z.B. zur Kunstgeschichte thematisieren könnte. Es wäre vor allem im Umgang mit Comics, die als Collage geschaffen worden sind, zu überlegen, ob man diesen und den ihnen zugrundeliegenden heutigen Bildbearbeitungs-konventionen näher käme, wenn man sie mit der Appropriation Art vergliche. Denn auch bei dieser musste sich das juristische Problemverständnis erst in Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen dieser Kunstrichtung entwickeln, bis ein ausreichend differenzierter Umgang auf juristischer – und auf künstlerischer Seite – erreicht wurde. Entsprechende Irritationen der vorherrschenden Meinung in der Auslegung von Urheberrechten, der Kunstfreiheit usw. wären auch in der Anwendung auf Comics somit anders zu bewerten als das bei undifferenzierten Plagiatsvorwürfen geschieht. Eine entsprechend angepasste Unterscheidung zwischen Plagiat, Zitat und Aneignung wäre ebenso bei der Bewertung von Webcomics und anderen digitalen Comics angebracht, in denen sich regelmäßig nicht nur Collagen, sondern auch Mischungen verschiedener medialer Kanäle finden, die fremdes Material verwendet. Die zugrundeliegenden Standpunkte sollen kurz eingeführt werden, um sie dann an ausgewählten Beispielen zu vertiefen. Aber – das ist klar – das gestalterische Problem, das aus der Platzierung von Urheberrechtsverweisen innerhalb von Comicsequenzen folgt, bleibt.